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W

Wallmow

Der gespenstische Nachtwächter von Wallmow

Bei den Rollbergen am Kreuzweg nach Grenz und Schwaneberg kann man nachts einem alten Mann mit großen Radkragen und einem Horn begegnen. Dieser schleicht ganz leise durch die Nacht. Aber wie erschrickt der Wanderer, wenn er auf einmal sein Horn an den Mund setzt und ruft: "Bewahret Feuer und Kerzenlicht, die Glocke ist...", "...Zwölfe!" kann er aber nicht sagen. Das ist eine Strafe, die er in alle Ewigkeit erleiden muß.

In seinem Leben war er als Nachtwächter in Wallmow angestellt worden, und er tat auch getreu seinen Dienst. Da kam aber der große Krieg in das Land und verschonte auch die Wallmower nicht. Ein wilder Haufen plündernder und mordender Soldaten machten die Gegend um das Dorf unsicher. Voller Angst nahmen die Bauern und anderen Einwohner Wallmows ihr Gold und Silber und verschanzten sich in der kleinen, alten Feldsteinkirche. Die Soldaten plünderten das Dorf und steckten es in Brand. Soviel sie aber auch die Kirche belagerten, sie hielt den Angreifern stand. Ja, sogar die Bauern machten einen Ausfall und trieben die Soldaten in die Flucht. Nun befand sich aber unter den in der Kirche verschanzten Bauern ein Verräter. Das war der Nachtwächter. Er hatte mit den Soldaten ausgemacht, daß er ein Zeichen geben würde, wenn sie in der Nacht die Kirche berennen und dabei eine Tür offen finden würden. Als Zeichen sollte sein Lied dienen: "Bewahret Feuer und Kerzenlicht, die Glocke ist...". In der Nacht, in der er das "...Zwölfe!" ausließ, würde er die Tür unverschlossen lassen. Der teuflische Plan gelang. In einer dunklen und stürmischen Nacht ließ der Nachtwächter mit seinem Horn das halbe Lied ertönen, und die Soldaten erstürmten die Kirche. Sie erschlugen alle, die sich darin befanden, auch den Nachtwächter. Der aber muß zur Strafe am alten Kreuzweg herumspuken. Er hat jedoch eine Chance, sich erlösen zu lassen. Wenn jemand, den er trifft, so geistesgegenwärtig ist, das "...Zwölfe!" bei seinem Lied hinzuzufügen, dann wird der gespenstische Nachtwächter erlöst sein. Doch bis jetzt ist es niemandem gelungen.

Quelle: Teufelssteine, Unheimliche Geschichten von den Ufern des Flusses Ucker, ARKADIEN e. V., Schibri-Verlag, 1997

Warbende

Wie das Dorf Warbende zu seinem Namen kam

Zur Gemeinde Parmen-Weggun gehört auch der Ortsteil Warbende. Der Name dieses Dorfes wird von Sprachkundigen von dem altslawischen Wort vrûba oder dem westslawischen vrba, das heißt Weidenbaum, abgeleitet. Es gibt aber auch eine Sage, die den Namen anders erklärt. Mitten im Parmener See liegt eine mit Bäumen bewachsene Insel. Auf ihr hat vorzeiten ein Schloß gestanden, und man findet auch heute noch auf ihr große und kleine Steine, die von dem Mauerwerk herrühren sollen. Hier hatte ein mächtiger Graf namens Warburg ein festes Schloß erbaut, in dem er seine schöne Tochter während seiner vielen Raub- und Jagdzüge gesichert zurückließ. Das Schloß war so häuslich gebaut, daß es zwei Stockwerke hoch war, aber es gab keine Treppe in ihm. Die Tochter mußte im oberen Stockwerk wohnen, zu dem sie mit einem Korb heraufgezogen wurde.

In einer kalten Winternacht kam nun einmal ein fremder junger Graf in die Gegend. Er erblickte vom Waldrand des Kiecker das Licht in den Zimmern der jungen Gräfin. Er ging über die gefrorene Fläche des Sees und kam zum Schloß, fand aber keine Tür. Hoch oben am Fenster hing der Korb mit dem Seil, und auf sein Bitten zog die Tochter ihn hinauf. Als sie nun sah, wen sie da hochgeholt hatte, freute sie sich sehr. Endlich konnte sie nach langer Zeit wieder einmal mit einem Menschen sprechen. Sie plauderten miteinander und bemerkten gar nicht, daß der alte Warburg über das Eis des Sees gesprengt kam. Nun war guter Rat teuer. In ihrer Angst vor dem Vater ließ die Gräfin ihren Besucher auf einer kleinen Leiter auf den Boden des Schlosses hinaufsteigen.

Kaum war er oben und hatte sich versteckt, da hörte sie schon die scheltende Stimme des Vaters. Sie zog auch ihn nach oben. Mißmutig stapfte der Ritter in seiner Rüstung im Zimmer umher, denn er hatte auf seinen Beutezügen kein Glück gehabt. Plötzlich entdeckte er die schmale Leiter, die an den Bodenraum gelegt war. Mit den Worten "Wer ist da oben?" wollte er hinaufsteigen. Da brach die Leiter unter der Last zusammen, der Ritter stürzte und brach Arm und Bein. Nun lag er in seinem jämmerlichen Zustand, und in ihrer Ratlosigkeit gestand ihm die Tochter, wer bei ihr sei. Da stieg auch schon der junge Graf vom Boden herab, und weil die beiden den Alten so liebreich pflegten, gab er die Einwilligung zur Hochzeit. Doch mit den Jagd- und Kriegszügen war es vorbei. Auch von der einsamen Insel zogen sie aus und bauten das Schloß Warbungsende, aus dem der Name Warbende wurde.

Quelle: Heimatkalender Prenzlau, 1981

Warthe

Die große Glocke zu Warthe

In uralten Zeiten hielten sich in dem waldumgrenzten See, der nahe bei dem unweit Boitzenburg gelegenen Dorfe Warthe liegt, Feen auf, durch die den Bewohnern der dortigen Gegend viel Gutes erwiesen wurde.

Im Grunde des Sees stand eine Kirche, in der sie ihre religiösen Versammlungen hielten, und das herrliche Glockengeläut, das sie hierzu einlud, scholl oft aus der Tiefe herauf und wurde von den Menschen, die zufällig am See beschäftigt waren, gehört; ja die Fischer, welche in stillen Sommernächten ihrem Gewerbe obliegen, wollen noch heute zeitweise die aus großer Tiefe dringenden Töne vernehmen. Einst nun, vor vielen, vielen Jahren, war eine Bäuerin aus Warthe am See mit der Wäsche von Kinderzeug beschäftigt. In ihrer Nähe ragte aus drei Stellen etwas aus dem Wasser hervor, das sie für die knorrigen Wurzeln abgestorbener Erlenstämme hielt; diese Stämme kamen ihr gerade bei der Wäsche zustatten. Auf einen von ihnen legte sie die gespülte Wäsche, über die beiden anderen legte sie ein Brett, auf welchem sie mit einem Waschholz das Zeug ausklopfen wollte. Kaum hatte sie indessen einige kräftige Schläge auf ein Stück Wäsche getan, als die vermeintlichen beiden Erlenstämme, auf denen ihr Brett lag, sich zu senken begannen und gleichzeitig, ein Gesumme von Glocken ertönte. Jetzt erst gewahrte die Frau, daß das Brett auf den Hauben zweier mächtiger Glocken gelegen hatte, die allmählich immer tiefer und tiefer in den See sanken. Auch der mutmaßliche dritte Erlenstamm, auf welchem die gespülte Wäsche ruhte, war die Haube einer Glocke, die jedoch kleiner sein mußte als die versunkenen. Sie war durch die Wäsche an ihren Platz gebannt und konnte ihren Schwestern nicht nachfolgen in die Tiefe. Eiligst lief die Frau in das Dorf, um jung und alt das Geschehene zu berichten und vergaß in der Hast sogar, ihre Wäsche mit fortzunehmen. In diesem Falle war das freilich ein Glück, denn als die Dorfbewohner zum See hinauskamen, sahen sie eine große Glocke im Wasser stehen. Sie hatten nun nichts eiligeres zu tun, als mit Hilfe von 12 Pferden die Glocke an das Land zu bringen und späterhin auf den Kirchturm zu schaffen, von wo sie nun schon seit Jahrhunderten die Gläubigen zur Andacht ruft. Fischer, die während des Läutens dieser Glocke auf dem See beschäftigt waren, wollen behaupten, daß gleichzeitig auch tief unten im Wasser der Ton zweier Glocken vernehmbar sei, und daß es so traurig klänge, als klagten sie über den Verlust ihrer Schwester.

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau

Der Abendmahlskelch der Warther Kirche

Unter den heiligen Geräten in der Warther Kirche befindet sich ein Kelch, auf dessen Boden die Worte eingraviert sind: "Dieser Kelch gehört im Gotteshause zu Bröddin." Von diesen Abendmahlsgeräten geht folgende Sage:

Eines Tages sah ein Bauer aus Warthe, der seinen Acker bestellte, daß sich eine Schar feindlicher Reiter dem Dorfe Bröddin näherte. Es war gerade während der schlimmsten Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wo es ein Wunder zu nennen war, wenn man noch einen pflügenden Bauern sah. Aber dieser Bauer war einer von der Art, der seine Erde über alles liebte und zudem war er ein gottesfürchtiger Mann. Darum kam ihm beim Anblick der feindlichen Reiter als erster der Gedanke: du mußt die heiligen Geräte der Bröddiner Kirche retten; denn selbst vor Heiligen machte der verwilderte Landsknecht schon längst nicht mehr halt. Die Reiter waren aber schneller als er. Als er ins Dorf kam, war die Kirche bereits erbrochen, und die Feinde hatten sich darin mit Roß und Reiter einquartiert. Gerade waren sie damit beschäftigt, Strohschütten zu machen, jedenfalls gab es für den Bauern nichts mehr auszurichten. Betrübt trat er den Rückweg an. Aber kaum lag das Dorf hundert Meter hinter ihm, als ihm eine unbekannte Frau entgegenkam. Die trat schweigend an ihn heran, nahm aus ihrer Schürze die heiligen Geräte, gab sie ihm und ging weiter. Der erstaunte Bauer wußte nicht, was er fragen sollte. Und als er sich umsah, war die Frau verschwunden. Er nahm nun die Abendmahlsgeräte mit nach Hause und versteckte sie hier.

Als der Krieg beendet war, brachte er sie in die Warther Kirche, weil die Kirche in Bröddin im weiteren Kriegeslaufe noch vollständig zerstört worden war. Hier befinden sich die sehr alten Bröddiner Abendmahlsgeräte heute noch.

Quelle: Unsere Heimat, Blätter für Heimatpflege, Unterhaltung und Belehrung, Wochenbeilage zum "Templiner Kreisblatt, Templiner Zeitung", Nr. 53, Freitag, den 04.März 1938, 91. Jahrgang

Werbelow

Aufhockendes Weib

Die Flurnamensammlung von 1936, durchgeführt von Lehrern in der Provinz Brandenburg, erbrachte für die drei uckermärkischen Kreise rund 13.000 Flurnamen, für den Kreis Prenzlau 4.500 und für Werbelow 23. Ein uns heute nicht sogleich erklärlicher Werbelower Flurname ist "Hackupsbeutel", von Hackup – Aufhock (Uphack) abgeleitet. Es soll eine sackähnliche Wiese sein, die , wenn man die nächtens durchschreitet, zum gespenstigen Ort für ein aufhockendes altes Weib wird, das einem im Dunkeln auf den Rücken springt.

"Drei Müllergesellen, welche auf der Werbelowschen Mühle in Lohn standen, gingen einmal nach Feierabend zum Krug im nahen Nechlin. Als sie spätabends heimkehrten und gerade am Wiesenweg angelangt waren, der die Landstraße abkürzt, rief der eine Geselle dem anderen zu: "Kiek es, dor sitt se!" Die beiden anderen Müllerburschen, die nichts sehen konnten, fragten ihren Zechgesellen, der ein Sonntagskind war, was er denn sehe. "Dor, bi´n Dornbusch sitt ´n oll Wif´," erwiderte dieser, und damit ging er, da er ein beherzter Bursche war, dreist nach dem Dornbusche, um das dort hockende alte Weib anzusprechen. Kaum aber war er an dem Dornbusche angelangt, so vernahmen die beiden zurückgebliebenen Müllergesellen einen gellen Angstschrei. Entsetzen packte auch sie, und eilends ergriffen sie die Flucht. Erst Stunden später kam auch der dritte Geselle auf der Mühle zu Werbelow an. Ganz naß war er auf dem Leib, vor Mattigkeit konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Am anderen Morgen erzählte er seinen Mitgesellen, daß das alte Weib ihm sofort auf den Rücken gesprungen sei und ihm gar jämmerlich zugesetzt habe. Trotz allen Rüttelns und Schüttelns sei es ihm doch nicht gelungen, den Hackup abzuwerfen. erst kurz vor der Mühle konnte er das alte Scheusal. das so fest auf seinem Buckel gesessen, als sei es angewachsen, wieder loswerden. Von nun an konnte der Müllergeselle nie wieder des Abends unangefochten vom Krug heimkehren, denn jedesmal hockte ihm das alte spukende Weib auf den Rücken. Zuletzt kam sie sogar bis zur Mühle und wartete dort auf den Gesellen; oder sie rief ihn auch, wenn er des Nachts mahlte, er solle doch hinaus zu ihr kommen. Dem also geplagten Müllergesellen wurde die Sache endlich über. Er schnürte sein Bündel, ließ sich den Lohn auszahlen, nahm den Wanderstab und reisete in die weite Welt."

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

Weselitz

Wie das Dorf zu seinem Namen kam

Im Namen des Dorfes ist das Wort "Esel" versteckt. Früher wohnten in Weselitz recht einfältige Leute.

Sie wollten unbedingt ihren Ort durch ein Ereignis berühmt machen, und zwar so berühmt, daß sie sogar das Stadtrecht verliehen haben wollten. Da sie das aber nur vom obersten Landesherren bekommen konnten, beschlossen sie, sobald der wieder in Prenzlau weilte, ihm ein Geschenk in Form von Lebensmittel zu machen. Erfreut stimmten alle Einwohner dem Vorschlag zu. Sie kamen auf die Idee, daß ein praktisches Geschenk ein Kürbis sei. Über ein so großes, rundes Ding würde sich der Landesherr sicher sehr freuen. Da aber warf der kluge Hans ein, der Herr wäre zu dumm, um den Kürbis als Eßware zu erkennen und würde denken, der Kürbis wäre eine mit Körnern gefüllte Kanonenkugel und sie wegschießen lassen. Frisches Obst wäre doch viel besser. Das leuchtet allen ein. Als nun wieder einmal der Landesherr in Prenzlau weilte, überbrachte eine ganze Abordnung Weselitzer eine mit Pflaumen gefüllte Kürbishälfte. Als der König das sah, da ergriff ihn die große Wut, er nahm die Pflaumen und warf sie den Bauern einzeln an die Köpfe. Als sie wieder nach Hause kamen, ließen aber die Bauern Hans hochleben, denn sie meinten, wenn der König sie statt der Pflaumen mit Kürbissen beworfen hätte, dann wäre es schlimmer für sie ausgegangen.

Quelle: Gerhard Hänsel, Uckermärkische Sagen, KIRO-Verlag 1996

Wilsickow

Die Frau in der gläsernen Kutsche

Im Norden des Kreises Prenzlau liegt das Dorf Wilsickow. Geht man weiter nach Norden, so kommt man auf die Verbindungsstraße zwischen Pasewalk und Strasburg. Jenseits der Kunststraße führt der Weg bis nach Groß-Luckow. Nach ungefähr 500 Metern zweigt ein Weg von diesem nach dem Gut Neuhof ab. Diese Weggabelung, die einen schönen Blick über den Mühlbach und seine saftigen Wiesen vermittelt, ist der Standort eines recht bösen Gespenstes.

Vor vielen, vielen Jahren hat in diesem Mühlbach eine reiche Gutsherrin von Wilsickow ihr eigenes Kind ertränkt. Sie soll in einer schwarzverhangenen Kutsche bis an diese Wegkreuzung gefahren, dann ausgestiegen sein und den Kutscher nach Hause geschickt haben. So glaubte sie ihre Untat von niemand gesehen. Doch das böse Gewissen ließ ihr keine Ruhe. Nach ihrem Tod geht sie nun hier als Gespenst um. Sie erscheint dem müden Wanderer in einer gläsernen Kutsche, die von sechs kopflosen Rappen gezogen wird. Immer, wenn sie einem begegnet, halten die Pferde an und aus der gläsernen Kutsche steigt der Gestalt nach eine junge Frau, doch das Gesicht ist ganz verschimmelt. Klagend streckt sie die Arme aus und will den Wanderer mit an den Mühlbach locken. Geht er mit, so verschwindet das Gespenst, läuft der Wanderer nach Wilsickow zurück, so jagt die Kutsche mit den kopflosen Pferden hinter ihm her, bis die ersten Menschenstimmen laut werden. Immer aber dauert es gar nicht lange, bis der Wanderer, dem das Gespenst in der gläsernen Kutsche begegnete, sterben muß. So liegt ein Fluch auf diesem Kreuzweg. Ein Mittel soll es geben, um vor aller Gefahr sicher zu sein: doch wer kann sich das beschaffen? Vor Jahren ist einmal der alte Jäger aus Oslanin an diesen Kreuzweg gekommen. Auch ihm begegnete die Frau in der gläsernen Kutsche. Seelenruhig trat er ihr entgegen. Er konnte das auch, denn er hatte einen Krötenstein in seiner Tasche, der ihn vor jeder Gefahr schützte.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

Wolfshagen

Apatz

Zwischen Wolfshagen und Schlepkow lag vor Zeiten ein urwüchsiges Waldstück, das seinen Namen von einem Drachen hatte, der in dem sumpfigen Urwald hauste. Niemand traute sich in die Nähe seiner Höhle, denn schon der Atem des Untieres genügte, um einen Menschen zu töten. Der Drache Apatz war ursprünglich vom Ritter aus Wolfshagen in einen tiefen Burgkeller gesperrt worden. Aber ein vorwitziges Küchenmädchen hatte dem Scheusal die Türe geöffnet, und flugs war er in den Wald entwichen. Hier versetzte er die ganze Gegend in Angst und Schrecken. Vergeblich hatten mutige Jäger versucht, den Drachen zu töten. Doch keiner konnte sich je "Drachentöter vom Apatz" nennen. Bis einmal ein Wanderer in diese Gegend kam und von dem Apatz hörte. Man hatte ihm auch erzählt, der Drache bewache einen großen Schatz. Der Fremde, ein Schmiedegeselle, wollte den Schatz heben.

Und um gegen das Untier gefeit zu sein, hämmerte er sich aus Johanniskraut ein Netzhemd, das ihn unsichtbar machte. Angetan mit diesem Schutz schlich er sich an den Drachen heran und schlug ihm mit seinem größten Schmiedehammer voller Wucht gegen den Kopf, ohne daß ihn der giftige Atem des Apatz treffen konnte. Der Drache lag wie leblos da. Der Geselle sammelte in der Drachenhöhle die Goldtaler auf und zog frohgemut gegen Prenzlau. Hier machte er sich in der ersten Gastwirtschaft einen guten Tag und prahlte mit seiner Tat und seinem Schatz.

Doch neidvolle Zechbrüder mochten seiner Geschichte nicht glauben. Man warf ihm vor, ein ganz schlimmer Dieb zu sein und wollte ihn an den Galgen bringen. Schnell fanden sich einige meineidige Zeugen und der Richter fällte sein Urteil: Tod durch den Galgen. Schon stand der Schmiedegeselle auf der Leiter, den Strick um den Hals. In seiner Not rief der Geselle: "Apatz, Apatz, komm und nimm dir dein Gold zurück!" Kaum hatte er seine Worte ausgerufen, da kam auch schon Apatz durch die Lüfte angebraust, packte den Gesellen mit den Krallen, den Goldbeutel vom Galgentisch mit der anderen und flog mit seiner Beute davon. Seit dieser Zeit nun spukt auch der Schmied im Drachenwald herum. Doch er hat jetzt zwei Köpfe, einen wie ein Mensch und einen wie eine Schlange. Zu Leide tut er keinem etwas. Im Gegenteil.

Einmal hat er einem "Nudelbuddler" geholfen, der in großer Not war. Der Mann buddelte nachts bei Laternenschein seine Kartoffeln, um dafür frische Milch für seine kranke Frau einzutauschen. Im flackernden Laternenschein erschien ihm der doppfelköpfige Geselle und schenkte ihm Krug und Semmel. Jeden Tag war nun der Krug mit frischer Milch gefüllt. Die Semmel aber wurde niemals alt und nie aufgezehrt, so oft man auch von ihr ein Stück abbrach. Ganz anders dagegen erging es einem Pferdedieb aus Fürstenwerder. Als dieser wieder ein Pferd gestohlen hatte und es nach Hause führen wollte erschien ihm der doppelköpfige Schmied vom Apatz urplötzlich an einer alten Kopfweide. Der Menschenkopf des Drachenschmiedes redete auf den zu Tode erschrockenen Pferdedieb ein, der Schlangenkopf indes biß dem Mann aus Fürstenwerder so in den Schenkel, daß er vor Schmerz laut aufheulte und die Zügel des Hengstes los ließ. Der Hengst suchte sofort das Weite und ist sogar wieder bei seinem Besitzer angekommen. Die Wunde des Pferdediebes aber ist niemals wieder richtig verheilt.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

Der ruhelose Jäger

Einst lebte in Wolfshagen ein alter Mann. Dessen Sohn kannte nur eines: die Jagd. Der Alte mußte die harte Feldarbeit verrichten, der Sohn jagte in den Wäldern. In seiner letzten Stunde flehte der Alte: "Sohn, steh' mir bei!" Doch der nahm die Flinte vom Haken und ging schnell hinaus. Da verfluchte der Vater den Sohn und rief: "So jag du und der Teufel dazu!" Der Alte verstarb, doch seitdem irrt der Sohn ruhelos umher.

Des Nachts hört man den ewigen Jäger rufen und wild durch die Wälder hetzen. Mit Vorliebe erscheint er auch dem nächtlichen Wanderer auf dem Kreuzweg nördlich bei Damerow, in der Nähe des Lindenberges. Hier soll er einmal dem Förster vom Forsthaus Kieker begegnet sein. Dieser wollte seinen Freund in Damerow besuchen. Als er auf dem Kreuzweg sein Fuhrwerk anhielt, um sich eine Pfeife anzustecken, ertönte urplötzlich in den Lüften ein wildes Geschrei. Entsetzt sprangen die Pferde an, und um ein Haar wäre der Wagen am nächsten Stein zerschellt. Auch einer alten Frau, die mit einem Korb Eier auf dem Rücken und einem anderen in der Hand über den Kreuzweg ging, erschien der ewige Jäger. Er hatte in seiner Hand vier frische geschossene Hasen und bot sie der Frau als Geschenk an. Die wollte sie aber nicht nehmen, sondern dem Jäger für die Hasen zum Tausch den Handkorb Eier anbieten. Der ewige Jäger ging auf den Handel ein. Er nahm die Eier aus dem Korb und steckte sie vorsichtig in seine große Jagdtasche. Als er damit fertig war, nahm die Frau die vier Hasen und legte sie in ihren Handkorb. Schon wollte sie sich vom Kreuzweg wenden, da sah sie, wie der Jäger die eben verstauten Eier wieder aus der Tasche nahm, um sie einzeln auf den Weg zu werfen. Wie erschrak die Frau, als sich aus jedem Ei eine schwarze, schrecklich funkelnde Schlange herauswand. Entsetzt lief die Frau nach Hause. Hier erlebte sie eine weitere, böse Überraschung. Als sie die vier Hasen aus dem Handkorb nehmen wollte, mußte sie erkennen, daß diese sich in einen Haufen Flöhe und Ungeziefer verwandelt hatten, die sie nun ihr Lebtag nicht mehr los wurde.

Obwohl danach der ruhelose Jäger den Wanderern nur noch sehr selten erschien, holzte man die Wälder um Damerow ab.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow