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Sagen und Geschichten aus Rittgarten

Die Taufe von Rittgarten

Mitten in der kleinen Fachwerkkirche von Rittgarten - die heute leider nicht mehr steht, da sie wegen Baufälligkeit abgetragen werden mußte - lag ein walzenförmiger Stein, der Taufstein. Über diesen Stein wurde folgende Geschichte erzählt. Etwas abseits von Rittgarten, in einem kleinem alten Haus, am Wege nach Kraatz lebte eine sehr alte Frau. Bei ihr wohnte ein wunderschönes Mädchen, angeblich ihr Urenkelkind. Das stimmte aber nicht, denn die Alte war eine Hexe und das Mädchen eines von den vielen Wiesenhüpfern oder Irrlichtern, die um die alte Kirchruine bei Wittstock herumgeistern - durch ihre Künste wieder zu einem Menschen gemacht, damit die Alte einen Dienstboten hätte. In dieses Mädchen verliebte sich ein junger Gelehrter, der bei dem Herrn von Holtzendorf zu Rittgarten Erzieher war. Vergeblich war aber all seine Liebesmüh um das junge Mädchen. Sie antwortete nicht, denn sie war eine arme, ungetaufte Seele und befand sich im bösen Bann der alten Zauberin. Eines Tages hörte der Gelehrte von einem umherziehenden Bettelmann, daß man solche ungetauft verstorbenen Menschen erlösen könne, wenn man den Taufstein fände, über dem sie eigentlich getauft werden sollten. Nun gab es ein eifriges Überlegen und Forschen. Endlich wurde es dem Gelehrten klar, daß die Hexe nur eine Seele aus dem längst wüst gewordenen Dorf, welches zur Kirchenruine bei Wittstock gehört hatte, eingefangen haben könne.

Er grub dort in der Kirchenruine nach und fand nach vielen Mühen auch den Taufstein. Dazu fehlte ihm aber eine heile Kirche; denn die, in der er gegraben hatte, war ja eine Ruine und leer. Mit viel Geduld, Fleiß und Kraft brachte er es fertig, in dem Nachbarort von Wittstock, Rittgarten, eine kleine Kirche - die ehemalige Fachwerkkirche - zu bauen. Schmuck stand nun das neue Gotteshaus da - und in seinem Mittelpunkt der alte Taufstein. Zum Ärger der Hexe wurde nun das junge Mädchen getauft und damit erlöst. Martin Lehmann hieß der Erbauer, wurde dann mit dem Mädchen getraut und war der erste Pastor in Rittgarten. Zur Erinnerung hat er seinen Namen in den Balken der Kirche eingeschrieben. Tatsache ist, daß sich auf der Grenze der Feldmark zwischen Wittstock und Rittgarten die Ruine einer stattlichen Feldsteinkirche befindet, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Sie ist etwas größer wie die in den umliegenden Orten sich befindenden Dorfkirchen. Ein Keller eines zu dem Dorf gehörenden Bauernhauses wurde in unseren Tagen ausgegraben. Sicher gehört ein Friedhof zur Kirche, Teile der alten Kirchhofmauer sind heute noch zu erkennen. Spielende Kinder oder Raubgräber und Schatzsucher sollen beim Nachgraben im Kirchenschiff das Skelett eines hünenhaft großen Menschen mit einer eisernen Axt gefunden haben.

Quelle: Teufelssteine, Unheimliche Geschichten von den Ufern des Flusses Ucker, ARKADIEN e. V., Schibri-Verlag, 1997