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Ritualbad und Synagogendienerhaus in Schwedt/Oder

Objektvorstellung

Die Stadt Schwedt/Oder, ca. 100 km nordöstlich von Berlin gelegen, hat sich von einer ehemaligen Residenzstadt seit den sechziger Jahren des 20. Jhd. zu einem bedeutenden Industriestandort in Brandenburg entwickelt.

In der Gartenstraße, unmittelbar am Karlsplatz befindet sich das Ensemble der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Schwedt, bestehend aus dem Ritualbad oder auch Mikwe1 genannt, dem Synagogendienerhaus sowie den Fundamenten der Synagoge. Eingefasst wird das Ensemble von einem hohen Zaun zur Gartenstraße hin sowie von der alten Stadt- bzw. Akzisemauer der Stadt Schwedt/Oder.
Schwedt gehörte zu den brandenburgischen Städten mit einem vergleichsweise bedeutenden Anteil jüdischer Bürger. Mitte des 19. Jh. lebten bereits 180 jüdische Einwohner in Schwedt. Vermutlich schon in den 1920er Jahren, nachweislich aber nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, zogen viele jüdische Einwohner in die nahegelegene Metropole Berlin. An einer Gemeindeversammlung im Jahr 1939 nahmen noch 17 jüdische Einwohner teil.

Ritualbad

Mit dem Bau des Ritualbads, der Mikwe schuf die jüdische Gemeinde Schwedt die Voraussetzung für die nach jüdisch orthodoxer Tradition vorgeschriebene kultische Reinigung zur Wiederherstellung der rituellen Unversehrtheit nach der Berührung von Toten, nach der Geburt, der Menstruation oder im Zuge des Übertritts zum Judentum. Das Ritualbad mit vorgelagertem Kuppelbau entstand im Zeitraum von 1869 bis 1871.

Ansicht der Mikwe und des Tempeldienerhauses von Süd-Osten aus, Februar 2013, Th. Sommer.

Ansicht der Mikwe und des Tempeldienerhauses von Süd-Osten aus

Die Anlage besteht aus einem unmittelbar an die Stadtmauer anschließendem Zugangsgebäude, dem westlich davorliegenden eigentlichen Badehaus mit dem unterirdischen Verbindungsgang zwischen den beiden Bauten und der Heizungsanlage. Im Inneren führt eine zehnstufige Treppe in die tiefer gelegenen Räume, die als Garderobe und Baderaum mit Wanne dienten. Hier reinigte man sich gründlich, bevor man in das Tauchbad stieg. Sein Boden liegt 4,65 Meter unter Straßenniveau. Der Wasserzufluss erfolgte durch Grundwasser. Die besondere Atmosphäre in dem etwa sechs Meter hohen, runden Raum mit einem Durchmesser von 2,50 Metern trug dazu bei, den Besuch des Tauchbades zu einem spirituellen Erlebnis werden zu lassen.
Die Anlage des Baderaums erinnert an mittelalterliche Mikwen, wie sie heute noch in Speyer, Worms und Offenburg vorhanden sind. Die traditionelle Schachtform einer Grundwassermikwe wurde im 19. Jahrhundert nur noch selten genutzt, zumal sich die Tauchbäder im Inneren der Synagoge oder in anderen Gebäuden befanden.In Schwedt ist der Baderaum als eigenständiges Bauwerk vorgelagert.

Dank einer Initiative der Kulturbundgesellschaft für Denkmalpflege der DDR beräumten 1988 ehrenamtliche Helfer den Kuppelbau der Mikwe und befreiten ihn vom Schutt.

1Mikwe, auch Mikweh genannt (hebr. Mikwah) heißt „Ansammlung des Wassers“ und dient der Wiederherstellung der halachisch vorgeschriebenen Reinheit. Sie ist noch vor der Synagoge und dem Friedhof das Fundament einer jüdischen Gemeinde. In Deutschland richteten sich jüdische Gemeinden Badehäuser ein, die meist in der Nähe der Synagoge gelegen waren. Das für die sogenannte Mikwe benutzte Wasser muss „lebendiges" Wasser – Regen-, Quell- oder Grundwasser – sein. Das rituelle Tauchbad folgt auf ein Reinigungsbad und ist für Männer und Frauen gleichermaßen vorgeschrieben. Der Badende taucht dreimal ganz im Wasser unter und spricht dabei eine Bracha (Segensspruch). Frauen suchen, um nicht als unrein zu gelten, nach der Menstruation, vor der Hochzeit und nach dem Wochenbett die Mikwe auf. Die Nacht nach dem Ritualbad gilt als besonders günstiger Zeitpunkt für die Zeugung eines Kindes. Männer nehmen ein Tauchbad in der Mikwe nach dem Kontakt mit Kranken, Toten oder kultisch unreinen Personen, um wieder die Synagoge besuchen zu dürfen. Ferner wird neu gekauftes oder unrein gewordenes Geschirr im Mikwewasser gekaschert, wieder koscher gemacht.

Synagogendienerhaus

Auf dem Gelände der jüdischen Gemeinde befand sich unmittelbar an der nördlichen Grundstücksgrenze ein kleines Gartenhaus in Fachständerbauweise, das der bürgerliche Vorbesitzer 1733 inmitten einer Maulbeerplantage hatte errichten lassen. Die jüdische Gemeinde ließ das Haus in östlicher Richtung erweitern und zum Wohnhaus des Synagogendieners ausbauen. Für die neu geschaffene Mikwe mit ihrer handbetriebenen Heiz- und Wasseranlage war eine ständige Überwachung und Wartung notwendig. Der Synagogendiener war für die Heizung und Reinigung des Ritualbades zuständig. Er wurde über die 1872 erhobene Benutzungsgebühr finanziert.

Synagogen-, Tempeldienerhaus

Ein Ausstellungsraum im Tempeldienerhaus, Februar 2013, Th. Sommer.

Das Synagogendienerhaus, auch als Tempeldienerhaus oder Wärterhaus bezeichnet, ist ein eingeschossiger Fachwerkbau auf rechteckigem Grundriss, gegründet auf einen hohen Feldstein-Ziegel-Sockel. Der Hauseingang befindet sich heute in einem Anbau, der das Synagogendienerhaus mit dem Ritualbad verbindet. Das Erdgeschoss des Gebäudes wird durch zwei hintereinander liegende Wohnräume gegliedert. Hier haben sich ältere Dielungen und zwei Füllungstüren erhalten, darunter eine Zweifeldertür mit Stützkloben und Beschlägen. Im westlichen Teil das Daches stammen Querbalken noch von der einstigen Pyramidendachkonstruktion von 1733. Bis in die 1960er Jahre nutzte ein Schuster das Synagogendienerhaus als Wohngebäude und Werkstatt.
Von 2008 bis 2009 erfolgte die denkmalgerechte Rekonstruktion des Ensembles. Im Synagogendienerhaus gibt es eine kleine Ausstellung zur jüdischen Alltags- und Sakralkultur, in der Mikwe können die Besucher mehr über die Tradition der rituellen Reinheit erfahren.

 

Synagogengrundmauern

Die Synagoge der jüdischen Gemeinde ist nicht mehr vorhanden. 1862 im südlichen Teil des Grundstücks errichtet, war sie ein rechteckiger, verputzter Massivbau mit schiefergedecktem Satteldach. In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet und danach bis auf die Grundmauern abgetragen2. In der Stadtmauer gibt es noch ein Portal, durch das die Gemeindemitglieder seinerzeit auf das Synagogengelände gelangten.
In den Jahren 2012/13 wurden die Grundmauern der Synagoge durch den Förderverein für die Städtischen Museen Schwedt/Oder ,,Otto Borriss“ e. V. freigelegt. Mit der Errichtung einer geschlossenen Überdachung, bzw. Einhausung der Grundmauern, so dass dieses auch als Schulungs- oder Versammlungsraum genutzt werden kann, wurde begonnen.

Draufsicht auf die Grundmauern der ehemaligen Synagoge

Draufsicht auf die Grundmauern der ehemaligen Synagoge, September 2013, Förderverein für die Städtischen Museen Schwedt/Oder „Otto Borriss“ e. V.

Unbedingt erwähnt werden muss noch, dass sich in Schwedt/Oder der jüdische Friedhof mit dem Totengräberhaus in der Helbigstraße nahezu unversehrt erhalten ist.
Damit gibt es in Schwedt/Oder noch ein fast komplett vollständig erhaltenes Gebäudeensemble (bis auf die zerstörte Synagoge), welches für das Leben und die Religionsausübung einer jüdischen Gemeinde notwendig ist.

2siehe auch Katrin Keßler: Die Bauwerke der jüdischen Gemeinde in Schwedt/Oder. Petersberg 2007.