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Sagen und Geschichten aus Berkenlatten

Die "wüste Kirche" bei Berkenlatten

Südlich von Gerswalde erhebt sich die Ruine einer Kirche, die wahrscheinlich während der vielen Fehden zwischen den Mecklenburgern und Pommern einerseits und den Märkern andererseits zerstört worden ist. Sie steht auf einsamer Feldmark von einem Friedhof mit dichtem Schlehdorngebüsch umgeben. Die beiden hochragenden Giebelmauern sind von öden Fensterhöhlen durchbrochen. Um Kirche und Friedhof raunt mancherlei sagenhafte Geschichte. Auf dem Friedhof ruhen unter zwei stattlichen Ahornbäumen die Freitöchter eines Amtmannes von einem der benachbarten Güter. Dieser Amtmann war allerlei geheimer Künste mächtig und wußte genau Tag und Stunde seines Todes, Aus Angst vor seinem Ende aber gebrauchte er bösen Zauber und übertrug seinen Tod auf seine drei Töchter. Genau zur vorhergesagten Stunde starben sie alle drei und wurden bei der wüsten Kirche gemeinsam begraben. Einmal kam der Gerswalder Pfarrer von einer Taufe in Bödenberg hier vorbei. Die Feier, zu der der Pfarrer geblieben war, hatte sich ziemlich ausgedehnt, und es war mit der Heimfahrt spät geworden. Die Geisterstunde war schon angebrochen, Plötzlich sahen der Pfarrer und der Kutscher es taghell von der Kirche her leuchten. Der Pfarrer stieg vom Wagen, ging über den Friedhof, und als er ins Innere der Kirche blickte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen; aber nein, das Bild blieb. Das Kircheninnere war voll weißer Lichtgestalten. Ihren Gebärden nach sangen sie voller Andacht. Doch hören tat der Pfarrer nichts. Als sein Entsetzen langsam von ihm gewichen war, sprach er mit fester Stimme: "Alle guten Geister loben Gott!" Und schon war die Erscheinung entschwunden. Hinfort hat sich der Pfarrer so eingerichtet, daß er nie mehr zur Geisterstunde des Weges zu kommen brauchte.

Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts sollen am Westgiebel, unmittelbar neben der Eingangspforte, große dunkle Flecke zu sehen gewesen sein. Mit ihnen soll es folgende Bewandtnis haben: Ein Edelmann ritt oft des Weges längs der wüsten Kirche. Sein Ziel war ein benachbartes Gut, wo ein schönes Edelfräulein ihm in Liebe zugetan war. Lange ging es so. Doch eines Abends kam er ganz zerschlagen zurück. Die Liebste war ihm untreu geworden. Als er nun den Kirchhof und die traurigen Trümmer sah, fand seine Verzweiflung neue Nahrung. Er stieg ab, trat zwischen die Trümmer und erschoß sich. Davon aber sollen die Blutflecken an der Mauer herrühren.

Quelle: Unsere Heimat, Blätter für Heimatpflege, Unterhaltung und Belehrung, Wochenbeilage zum "Templiner Kreisblatt, Templiner Zeitung", Nr. 53, Freitag, den 04. März 1938, 91. Jahrgang