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Sagen und Geschichten aus Blindow

Der goldene Pferdekopf

Nur wenige Kilometer nördlich der Stadt Prenzlau, an der alten Chaussee nach Pasewalk, passieren wir eines der ältesten Dörfer der Uckermark, Blindow. Bauern und Fischer bestimmten das Leben im Ort seit Hunderten von Jahren. Der an den westlichen Dorfrand anstoßende große Blindow-See, der Uckerfluß und die ausgezeichnete Bodenqualität der umliegenden Äcker boten schon Siedlern in der Vorzeit ausreichend Nahrung, wie es so mancher ur- und frühgeschichtlicher Fund von der Feldmark beweist. Schon von weitem sichtbar ist der Turm der Dorfkirche von Blindow. Dies ist ja auch nicht verwunderlich, denn die Kirche steht auf einem erhöhten, nach Süden und Osten hin abfallenden Gelände. Bevor in christlicher Zeit diese Kirche erbaut wurde, soll an dieser Stelle der "Pferdeturm" gestanden haben. Was es damit auf sich hat, soll nun erzählt werden. Vor sehr langer Zeit lebten in der alten Dorfstätte merkwürdige Menschen. Sie waren größer als andere Menschen, ihre ganzer Körper waren mit schwarzen Haaren bedeckt. Sie wurden von ihren Nachbarn geradezu verehrt, denn sie gaben bei Krankheiten und Mißernten gute Ratschläge, die den Menschen halfen. Die schwarzhaarigen gingen nämlich in solchen Fällen in einen großen steinernen Turm, der im Dorf stand. In diesem Turm hing ein goldener Pferdekopf, den sie befragten. Kamen sie wieder heraus, so gaben sie ihre nun gewonnenen Erkenntnisse an die Ratsuchenden weiter. Als dann die ersten christlichen Siedler kamen, lebten auch sie in Frieden mit den schwarzbehaarten "Pferdemenschen" und wußten ihre Weisheit auch zu schätzen. Leider verführten aber die allzuoft anzutreffenden menschlichen Schwächen wie Neugier und Habsucht einen der neuen Siedler dazu, den Pferdekopf zu stehlen und mit der Beute flüchtig zu werden. In einer sehr dunklen und stürmischen Nacht schlich er sich in den Turm und sah, wie der goldene Kopf einen schwachen Schein um sich herum verbreitete. Gierig griff er nach dem Kopf, um ihn von der Wand zu reißen. Da plötzlich redete ihn der Kopf an: "Blin büst du up ewig". (Blind bist Du auf ewig). Kaum waren die Worte ausgesprochen, da krachte der Turm zusammen und begrub den Dieb und den Pferdekopf unter sich. Durch den Lärm aufgeschreckt, eilten die anderen Bewohner aus ihren Hütten und sahen nur noch den Trümmerhaufen des Turmes. Und mehr noch, aus den Trümmern erhob sich ein goldenes Pferd, welches in seinem Maul den Dieb trug. Bald daraufhin zogen die schwarzbehaarten Ureinwohner aus dem Ort fort. Nie wieder hörte man von ihnen. Die zurückgebliebenen Siedler aber benutzten die Steine vom Turm, um die Kirche von Blindow damit aufzubauen. Der Name von Blindow soll durch den Ausruf des Pferdekopfes entstanden sein. Und tatsächlich, als man während des ersten Weltkrieges die Blindower Kirche und den Kirchturm ausbesserte, stieß man auf mehr als einen Meter dicke Fundamente eines Turmes...

Quelle: Teufelssteine, Unheimliche Geschichten von den Ufern des Flusses Ucker, ARKADIEN e. V., Schibri-Verlag, 1997