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Sagen und Geschichten aus Brüssow

Das "Hoawief"

Auf dem Domänenamt Brüssow lebte einst eine alte Wirtschafterin. Diese war so geizig, daß sie den Leuten nicht das trockene Brot gönnte. Dazu behandelte sie die Mägde überaus hart und prügelte sie oft und unbarmherzig. Einst ertappte sie eine Magd beim Naschen und geriet darüber so in Wut, daß sie das Mädchen mit dem schweren Schlüsselbunde erschlug. Die Untat kam aber an den Tag und das böse Weib wurde gehenkt. Von der Zeit an mochte niemand mehr auf dem Gute wohnen; denn die Alte ging jede Nacht um und trieb zum Entsetzen aller einen greulichen Spuk. Bald hauste sie im Schweinestalle, daß alle Schweine grunzten und quiekten, bald im Hühnerstalle, daß alles Federvieh in Angstgeschrei ausbrach; bald lief sie mit dem Schlüsselbunde klirrend und fortwährend "hoa, hoa!" rufend im Hause treppauf und treppab und durch alle Zimmer, so daß die Hausbewohner von Furcht und Grauen gepackt wurden. Mehrere Geistliche versuchten zwar, das Gespenst zu bannen, aber vergeblich. Da kam ein reisender Scharfrichter durch das Städtchen Brüssow, der hörte von dem Spuk und erbot sich, gegen ein Entgelt den bösen Geist zu vertreiben, Er stellte sich, einen Sack über die Schulter und einen Knittel in der Hand, des Nachts auf die Lauer. Als nun die Alte sich wieder hören ließ, jagte er sie in den Sack und prügelte sie fürchterlich. Sodann warf er den Sack über die Schulter und trug den Spuk zur Stadt hinaus. Weit ab an der Carmzower Grenze liegt ein kleiner, sehr tiefer, rings mit Dornen und Haselgebüsch umkränzter See, der Ganznow. Dorthin trug der Schaftrichter das "Hoawief" und wies ihm den See und seine Ufer zum ewigen Aufenthalt an. Seitdem treibt die Alte dort ihr Unwesen. Besonders diejenigen, die in dem Ufergebüsch Nüsse pflücken wollen, sind eine Zielscheibe ihrer Bosheit. Gewöhnlich sind die gepflückten Nüsse zu Hause samt und sonders faul. Manchmal hängen die Sträucher, von unten gesehen, ganz voller Nüsse, erweisen sich aber nach dem Erklimmen durchaus leer. Und wehe dem, der zum Bade in den stillen, tückischen Ganznow steigt; das "Hoawief" zieht ihn an seinen Beinen in die Tiefe, und die Wasser schließen sich über ihn auf immer.

Quelle: Gerhard Hänsel, Uckermärkische Sagen, KIRO-Verlag 1996

 

Das Hoawief und die Dachsjäger

Als das "Hoawief" noch nicht an den Ganznow-See gebannt war, spukte es auch oft auf der Feldmark, an den Kreuzwegen und an den Grenzen umher. Einst gingen zwei Brüder, Peter Hinz und Jürgen Hinz, spät abends in die Kaselower Forst auf die Dachshetze. Als sie sich bei einem Baue überzeugt hatten, daß der Dachs ausgefahren war, befestigten sie das Fangnetz in der Einfahrt und brachten die Hunde auf die Fährte. Nach kurzer Zeit verfolgten die Hunde einen flüchtigen Dachs, welcher dem Baue zulief und auch gefangen wurde. Sie schlugen nun das Tier mit ihren Knitteln tot und traten den Heimweg an. Peter trug den Sack mit dem toten Dachs. Kaum waren sie einige hundert Schritte gegangen, da wurde der Dachs im Sack allmählich schwer und schwerer, so daß Peter zuletzt erschöpft stehen blieb. "De Racker is noch nich dod", sprach er, den Sack abwerfend. Beide prügelten nun so lange auf den Dachs, bis er nach ihrer Meinung siebenmal krepiert sein mußte. Nun nahm Jürgen den Sack auf den Rücken und lachte über seinen Bruder; denn ihm däuchte die Last gar gering. Aber er hatte zu früh gelacht. Nach kurzer Zeit mußte auch er keuchend und schwitzend den Sack abwerfen, weil er mit jedem Schritte schwerer wurde. Zum dritten Mal hieben nun beide auf den vermeintlichen Dachs ein, und zwar so lange, bis die Erschöpfung sie zwang, aufzuhören. Darauf legten sie den Sack quer über ihre beiden Stöcke und versuchten, ihn, wie auf einer Tragbahre, weiter zu transportieren; aber es wiederholte sich dieselbe Geschichte. Nun kam ihnen die Sache doch nicht geheuer vor und sie beschlossen, den Inhalt des Sackes noch einmal zu untersuchen. Kaum aber hatten Sie den Sack geöffnet, so kollerte zu einem Knäuel zusammengekrümmt, das "Hoawief" daraus hervor, und als es, wie vom Winde getrieben, eine Strecke hinweggerollt war, sprang es auf die Beine, klatschte in die Hände und rief höhnisch: "Hoa, hoa, hoa! ji hebben mi lickers wiet müßt droagen!" Peter Hinz aber, der ein sehr schlagfertiger Mensch war, faßte sich kurz und antwortete ebenso höhnisch: "Joa, joa, joa! wi hebben di lickers ook düchtig daarför schloagen!"

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau 1922

 

Das Hoawief ängstigt die Gäste

Zu einer Festlichkeit waren einst viele Gäste im Brüssower Amtshause anwesend. Zu Abend wurde das Wetter so unfreundlich, daß alle dort nächtigen mußten. Da Betten nicht in genügender Anzahl vorhanden waren, so sah man sich genötigt, eine Streu zu machen. Als um Mitternacht die Leute auf der Streu lagen, kam das "Hoawief", ergriff einen nach dem andern bei den Beinen und zog sämtliche Füße in eine Linie; dann visierte sie die Linie hinunter und sagte: "lick lang!" (gleich lang). Nun machte sie dasselbe mit den Köpfen der Ruhenden, um, da nun natürlich die Füße wieder aus der Richtung waren, ihre Beschäftigung von vorne wieder anzufangen. So fuhr sie fort, abwechselnd Füße und Köpfe der Leute auszurichten, bis ihre Zeit abgelaufen war.

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau 1922