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Sagen und Geschichten aus Gerswalde

Der Alte Fritz und der Müller

Der Alte Fritz war gewiß ein großer König gewesen; aber einmal war ihm uckermärkische Bauernschlauheit in Gestalt eines einfachen Schäfers übergekommen. Es soll da rechts weg von Gerswalde gewesen sein, als der König eines Tages an einer Mühle vorbeifuhr, an der weithin sichtbar geschrieben stand: "Ich lebe ohne Sorgen." "Was, denkt der König, "habe ich mir eigens mein Sanssouci bauen lassen, damit ich einen Ort hätte, an dem mich die Sorgen nicht erreichten. Und trotzdem wars mir nicht gelungen, die graue Frau zu bannen. Und dieser Müller will zuwege bringen, was nicht mal einem König gelang? Dann kann er mehr als Brot essen. Den Kerl muß ich mir ansehen". -

Er läßt also den Müller herausrufen und fragt ihn, wie er sich unterstehen könne, hier auszuposaunen, daß er ohne Sorgen lebe. Sorgen hätte doch jeder Mensch! Der Müller aber blieb dabei, er wisse nicht was Sorgen sind. Da meinte der König, daß das nicht mit rechten Dingen zuginge und der reine Übermut wäre. Aber er wollte ihm drei Fragen vorlegen, wenn er darauf eine Antwort fände, wolle er ihn zufrieden lassen. Er solle ihm sagen: erstens wie hoch der Himmel, zweitens wie tief das Meer sei und drittens, was er, der König, gerade denke. - Das gab nun zunächst doch einen Schreck; aber der Müller fand sich bald, so leicht ließ er sich nicht ins Boxhorn jagen. Und er hielt den Kopf schief und sprach zum König: "Jao, dat geiht so up´n Plutz nich, dat will erst ´n bäten öwerleggt sin." Er dachte, Zeit gewonnen, alles gewonnen. Der König sprach: "Gut, ich habe hier beim Schulzen noch zu tun, komme ich zurück, dann will ich nichts mehr von Überlegen wissen." - Der König fährt also weiter. Der Müller aber kratzt sich die Ohren. Doch Sorgen? Diese Fragen ihm Sorgen machen? Gibts ja gar nicht. Da fällt ihm auch schon der alte Schäfer ein, dieser Neunmalgescheite; flugs läuft er zu dem und erzählt, wie es ihm erging, - "Doch", sagt der Schäfer, "nichts lichter as dat". Er ging mit dem Müller, zog sich des Müllers Zeug an und stellte sich breitbeinig vor die Mühle.

Bald darauf kommt auch der Alte Fritz zurück. "Na", sagt er, "weiß Er nun wie hoch der Himmel ist?" "N´ Dagreis´," sagt der Schäfer, "so mütt man in een Dag hen; denn Krög tum Inkehren sin dor nich unnerwägs, un Christus is ok in een Dag no`n Himmel föhrt." "Hm" sagt der König, "da hat Er sich nicht schlecht herausgewunden. Und wie tief ist das Meer? "Gen Steenworf deep", antwortete der Schäfer. "Und was denke ich?" "Wat Se denken? hä, hä, hä! Se denken, ick bin de Möller; aber ick bün jo bloßig de Scheeper in´n Möller sin Tüch". "Er Sackermenter!" drohte lachend der Alte Fritz und ist weiter gefahren mit halb zufriedenem, halb besorgtem Blick über die bestellten Fluren.

Quelle: Unsere Heimat, Blätter für Heimatpflege, Unterhaltung und Belehrung, Wochenbeilage zum "Templiner Kreisblatt, Templiner Zeitung", Nr. 53, Freitag, den 04.März 1938, 91. Jahrgang