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Sagen und Geschichten aus Hetzdorf

Der falsche Bräutigam

In Hetzdorf liegt auf einer Anhöhe, die das Dorf malerisch überragt, die wuchtige, in drei Bauteilen abgestufte Feldsteinkirche. Massig und weithin sichtbar, ragt ihr Turm ins Land. Tritt man von Westen heran, so bemerkt man, daß das für die Ewigkeit gebaute Gemäuer geborsten ist. Durch seine Stellung am Abhang hat der Turm in seiner Standfestigkeit gelitten, so daß er unterfangen und gestützt werden mußte. Eine Sage berichtet, warum der Turm geborsten ist: Die beiden reichsten Familien sollen dem Bauerndorf ihren Namen gegeben haben: Hetselsdorf. Voller Stolz und ohne Neid blickten sie auf ihren Besitz. Die Hetsels, so hießen beide, waren sich nicht nur dem Namen nach gleich. Die ältesten Söhne sahen sich zum Verwechseln ähnlich, machten dieselben Streiche und übernahmen zur gleichen Zeit die Höfe ihrer Väter. Nun mußten sie dazu auch jeder eine tüchtige Braut heimführen. Deshalb hielten sie Ausschau unter den schönen Töchtern des Landes, aber keine konnte ihnen so recht gefallen.

Endlich aber hatte der eine seine Auserwählte gefunden. Doch auch der andere verliebte sich in das Mädchen. Und als seine Liebe immer mächtiger wurde, begann er seinen Vetter zu hassen. Er beschloß, das Mädchen zu freien, komme was wolle. Doch es fand sich keine rechte Gelegenheit dazu, die beiden Verlobten zu entzweien. Treu und fest hielten sie zusammen. Der rechtmäßige Bräutigam wachte eifersüchtig, im Herzen seiner Schönen wollte er allein Platz haben. Der verschmähte Mitbewerber nahm wenige Tage vor der Hochzeit Abschied von seinen Eltern. Im Dorf sagte man, er sei in die weite Welt gezogen, vor Liebeskummer könne er es in seinem Dorf nicht mehr aushalten. In Wahrheit aber hatte sich ein teuflischer Plan in seiner Seele festgesetzt. Er versteckte sich in einer Scheune und wartete dort, bis am Abend der Bräutigam vom Poltern zurückkehrte. Hinterrücks erschlug er seinen Rivalen und verwischte alle Spuren seiner Untat.

Am nächsten Morgen dann zog er den Hochzeitsstaat des Erschlagenen an und holte die Braut zum Kirchgang ab. Niemand bemerkte den Betrug. Nun kam das Brautpaar an das Kirchportal, vor dem der Pastor nach alter Sitte die Brautleute empfing und nach ihrem Namen fragte. Leise sprach die Braut ihren Namen aus, laut und trotzig der falsche Bräutigam den Namen seines Vetters. Doch kaum hatte er den Namen ausgesprochen, da ging es wie ein Erdbeben durch den Kirchturm, ein Knistern und Brechen der großen Quadersteine in der Westwand ließ das Fundament erzittern. Laut schreiend lief die Hochzeitsgesellschaft auseinander. Der falsche Bräutigam aber war wie vom Erdboden verschwunden.

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt

 

Der kopflose Mann

Bei Hetzdorf war mal ein Knecht nachts draußen bei den Pferden, da hört er etwas herankommen, und wie er hinsieht, ist´s ein Mann ohne Kopf, der geht immer auf und ab und macht sich allerhand zu schaffen, bald ist er hier bei dem Braunen, bald dort beim Fuchs, bald zieht er dort ein Rick vor, das der Pferdeknecht vorzuschieben vergessen hatte. So geht´s auch die folgende Nacht und ebenso in der dritten; da faßt sich der Knecht endlich ein Herz und fragt ihn, weshalb er doch hier immer umhergehe, und da erzählt ihm jener, er habe einst Pferde gestohlen und sei unentdeckt geblieben, da habe er´s zum zweiten Male versucht, sei aber von den Wächtern ertappt und hätte im Streite einen von ihnen erschlagen; darum müßte er nun hier umgehn und helfen die Pferde hüten. Als das der Knecht hörte, sagte er: "In Kanaan in Galiläa ist eine Hochzeit, da ist unser Herr Jesus Christus, da sollst du auch sein!" und kaum hat er das gesagt, da ist der kopflose Mann verschwunden und hat sich nie wieder sehen lassen.

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau 1922

 

Die feurige Schlange

Vom alten Müggenkrug in der Amalienhofer Heide konnte ein Hetzdorfer Bauer noch vor Jahren erzählen, daß dort auf dem Hof des Kruges ein tiefer Brunnen stand. In Vollmondnächten war auf dem Grund des Brunnens eine feurige Schlange zu sehen. Zweimal im Jahr kam die große feurige Schlange aus dem Brunnen und kroch dann immer bis nach Hetzdorf. Hier gab es jedesmal große Aufregung, denn der feurige Atem des Tieres richtete großen Schaden an. Als sich eines Tages beherzte Männer aufmachten und den "Pütten" (Brunnen) des alten Müggenkruges mit Sand füllten, war Ruhe in der Gegend.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow