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Sagen und Geschichten aus Jagow

Ein Hengst kommt aus dem Wasser

In der Gegend von Jagow pflügte einmal ein Bauer noch spät am Sonnabend, als die Sonne bereits untergegangen war. Da kam plötzlich aus einem dicht bei seinem Acker liegenden See ein Hengst mit vollem Sielzeug, der schirrte sich selbst zu den andern Pferden an den Pflug, und nun ging´s die Ackerstücken gewaltig auf und ab, so daß im Umsehen eine Furche nach der andern gezogen war; der Bauer stürzte aber atemlos hinterher, so daß ihm der Schweiß von Haar und Gesicht troff und er zuletzt kaum folgen konnte, und seine Pferde keuchten auch und waren mit weißem Schaum bedeckt. So ging´s wohl eine halbe Stunde fort ohne Ruh und Rast, bis endlich der Hengst plötzlich, wie er gekommen war, wieder verschwand, da ist der Bauer eilig nach Hause gefahren und hat nie wieder am Sonnabend gepflügt.

Quelle: unbekannt

 

Der Siebenrannt

Noch vor Jahrzehnten war der Glaube an Zauberei und Hexen auch in unserer Gegend verbreitet, aber längst vergangen sind die Zeiten, in denen solcher Glaube zahllose Menschen auf die Folterbank und nach dabei abgepreßten Geständnissen auf den Scheiterhaufen brachte. Zumeist waren es Frauen, die man der Zauberei verdächtigte, anklagte und oft auf grausame Weise zu Tode peinigte. Neben dem Verbrennen war auch das "Rennen mit dem Sieb" verbreitet, wobei die Beschuldigte in ein großes rundes Kornsieb gepreßt und so lange gerollt wurde, bis sie tot war. Auch einer Frau aus Jagow soll eine solche Strafe widerfahren sein. Doch noch nach ihrem "Siebrennen" spukte sie, einem alten Aberglauben zufolge, gern in unserer Heimat herum, erschreckt die Vorüberkommenden, insbesondere am Kreuzweg bei der Schindelmühle. Nur wenige wagten es daher, an diesem Ort zu Mitternacht vorüberzugehen, und keiner fand sich, den Spuk aufzuhalten, damit die Hexe endlich erlöst wurde.

Eine Sage darüber, wie es dennoch ein Jagower wagte, dem Siebenrannt zu begegnen, nimmt Friedrich Bartelt als Vorlage für seine Spukballade vom Siebenrannt:

Im Krug zu Jagow lärmt man wild;
in Qualm und Dunst der Zecher Bild,
schon Mitternacht durchs Fenster schaut;
der Zecher Schar vor niemand graut.

Der Siebenrannt, den halt ich an!
"Was gilt die Wett? - Ich bin der Mann!"
So sprach der Kühnste von den acht.
Zehn Thaler wurden ausgemacht.

"Zehn Thaler geben wir als Pfand!
Dein sei das Geld, wird frei das Land!"
Ein Glück gar, wenn des Siebes Lauf,
die wilde Fahrt, hört eimal auf!"

Gesagt, getan... Der Krug wird leer.
Zum Kreuzweg geht´s, feldein, feldquer.
Doch vor dem Ziel, da macht man halt.
Die Furcht sich an die Fersen krallt.

"Jetzt, guter Freund, eil´nur allein!
Wir schau´n dir nach von diesem Stein.
Hab´Kraft und Glück und halt dein Wort,
nicht eher gehen wir hier fort."

Er läuft geschwind, der Mond scheint hell.
Bald schallt sein Ruf: "Ich bin zur Stell!"
Doch kaum war´s Wort gedacht, gesagt,
da kam´s Gefährt schon angejagt.

Und fern ein Ächzen, Stöhnen, Schrei´n,
ein Fluchen, Zetern, Maledei´n.
"Jetzt wack´rer Freund, jetzt zeige Mut,
greif frisch hinein, und es wird gut!"

Er hört das Wort - das Sieb auch hält.
Hin stürzt das Weib, es schwankt, es fällt!
Doch weh´, mit ihr stürzt auch der Freund,
zu Tod - der beide nun vereint!

Das Sieb indes, es raste fort;
wer weiß wohin, an welchen Ort.
An Kreuzweg aber bleibt es stumm.
Was kümmert Baum und Strauch sich drum?

Doch seitwärts, bei dem Feldgestein,
da bangt die Schar, dann eilt sie heim.
Der Tag bricht an. Schnell geht die Mär:
"Der Wettehans, er lebt nicht mehr!"

Befreit jedoch scheint nun das Land,
kein Aug´ sah je den Siebenrannt.
Im Krug zu Jagow lärmt man froh,
der Spuk ist fort nach nirgendwo.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

 

Die Sage vom Teufelssee

Geht man von Jagow ein Stück des Wegs nach dem Steinfurther Bach, so stößt man linkerhand an einen kleinen See, der von Buschwerk und Bäumen umrahmt wird. Seit undenklichen Zeiten heißt dieses Wasser Teufelssee. Wie der zu seinem Namen kam, wird nach der Sage so erzählt: "Ein Bauer aus Jagow hatte an diesem See sein Feld. Der Acker war groß, und obwohl es schier unmöglich erschien, wollte er ihn an einem einzigen Tage umbrechen. Er trieb deshalb sein mageres Pferd zur Eile an, und als er sah, daß es Abend wurde und er doch nicht fertig werden würde mit dem Pflügen, fing er gottserbärmlich an zu fluchen: "Hüh, hott, du Schinder! Teufel noch mal, du Schindmähre, willst du wohl!" Kaum hatte er den Hinkefüßigen genannt, da öffnete sich plötzlich der See, und ein kohlrabenschwarzes Pferd stieg heraus. Es spannte sich selbst vor den Pflug und pflügte den Acker des Bauern noch vor Dunkelwerden um. Der Bauer stand mit seinem erschöpften Gaul wie gelähmt dabei. Entsetzen packte ihn, denn das konnte nur der Teufel sein, der da seinen Acker umbrach. In seiner Wut und Unachtsamkeit hatte er den Leibhaftigen herbeigerufen. Der Bauer ahnte Schlimmes, denn der Teufel fordert immer seinen Tribut. Und richtig! Kaum war das rabenschwarze Pferd mit dem Pflügen fertig, da sprang es zurück in den See und zog dabei mit unwiderstehlicher Gewalt den Bauern samt seiner Schindmähre und dem rostigen Pflug hinter sich her. Verzweifelt wehrte sich der Bauer, stemmte sich mit dem linken Bein gegen eine Baumwurzel, griff mit der rechten Hand nach einem überhängenden Ast - es half nichts, Pferd und Bauer mußten dem Teufelsrappen in die Tiefe des Sees folgen. Von Stund an wurde der Jagower Bauer nicht mehr gesehen. Nur ein Bein soll im Schilf gefunden worden sein. "He is rin in dat Woter, bi denn Deukert!" Seitdem heißt das Gewässer der Teufelssee.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow