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Sagen und Geschichten aus Kröchlendorff

Das arme Zieglermädchen

Bei Kröchlendorff stand in früheren Zeiten eine Zieglerstätte. Wie lange es her ist, weiß niemand mehr zu sagen. Es war wohl die Zeit, in der Hexen und Zauberer gewaltige Macht über die Menschen hatten. Damals lebte in einer Ziegelei ein sehr schönes Mädchen. Alle jungen Burschen versuchten ihre Liebe zu erwerben. Einer tat sich darin besonders hervor. Er meinte es aber nicht ehrlich und das Mädchen mochte den Jüngling ganz und gar nicht leiden. Eines Tages saß sie in der Nähe des Zieglerofens und seufzte von Herzensgrund. Da lachte eine helle Flamme aus dem Ofen, die die Gestalt eines Menschen hatte, und sprach: "Gräme dich nicht, ich will vergehen und entstehen - ich will dich erlösen von dem Bösen." Darauf verschwand die Flamme wieder in den Brennofen. Wie das Mädchen noch über diese geheimnisvollen Worte nachdachte, hörte es hinter sich den Ziegler gewaltig schimpfen. Aus seinem Gerede hörte sie, daß alle Flammen erloschen waren und niemand sie wieder zum Brennen brachte. Das war in der ganzen Umgebung so. Das war eine schlimme Zeit für die Leute. Eines Tages meldete sich ein Mann, der sagte, daß er ein Mittel gefunden hätte, um das Feuer im Lande wieder zu entzünden. "Laßt hören!" riefen die Menschen. "Ihr müßt den reichen Jüngling herbringen, der dem armen Zieglermädchen nachstellt, er ist Schuld an eurem Unglück." Es dauerte gar nicht lange, da brachte man ihm den Burschen. Darauf ging der Zauberer mit dem Jüngling nach der Ziegelei, in der das Mädchen arbeitete. Die Menschen strömten hinter ihnen her. Als sie zur Ziegelei gekommen waren, ließ der Mann den Jüngling auf einen Tisch steigen und befahl ihm, sich auszuziehen. Kaum hatte er das unter Widerstreben getan, da stieg aus seinem Leibe eine große Flamme empor. An dieser zündeten sich alle Zuschauer ihre Lichter und Kienspäne an. Endlich hatte auch der Letzte sein Feuer erhalten. Jetzt durfte der Jüngling vom Tisch springen. Er verließ die Gegend und das Zieglermädchen hatte fortan Ruhe.

Quelle: Gerhard Hänsel, Uckermärkische Sagen, KiRO-Verlag, 1996