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Sagen und Geschichten aus Lübbenow

Das Steinkreuz vor Lübbenow

Vor Zeiten, als Wald, Weide und Wasser ungleich mehr Wert hatten als bebauter Acker, lebten in zwei uckermärkischen Dörfern auf halbem Wege zwischen Prenzlau und Strasburg die ehrenfesten Ritter von Vorenholt. Der eine hatte außer Acker, Wiesen, Vieh und Hufenbauern einen wunderschönen See, an dessen Sonnenseite er den Wohnhof seiner Vorfahren hegte und pflegte. Der andere hauste im nahen und wüsten Vorenholt mehr schlecht als recht. Oft genug mußte er in der alten Kirchenruine vor Feinden Schutz suchen. Sein einziger Reichtum war ein guter Föhrenwald am Kienberg. Manchmal fand er sich bei seinem Vetter, der den schönen See besaß, zu Besuch ein. Obwohl sich beide nicht recht leiden konnten, tranken sie hin und wieder ein gutes Bier im Krug.

Einmal, als die beiden Ritter wacker zechten, brachte der arme Fahrenholzer die Rede auf den See und sagte: "Du weißt, es ist Fastenzeit. Gib mir einen Korb Fisch. Du hast einen guten See, dein Fischer macht fünf Züge mit dem Netz, das bringt Fisch im Überfluß!" Der andere aber sprach: "Als ich von dir gutes Holz zum Bau meiner Kirche wollte, sagtest du, kauf dir welches. So sage ich nun: Kauf dir Fisch!" Zornig nahm darauf der arme Fahrenholzer sein Wams vom Hocker, schritt zur Tür und schlug sie dröhnend hinter sich zu. Draußen im Ausspan löste er das Zaumzeug vom Ring, schwang sich in den Sattel und gab seinem Schimmel die Sporen. Als der Hecht im seichten Wasser des Sees stand, dort, wo die hellen Birkenstämme bis ans Schilf reichen und das zarte Grün mit dem dunklen Blau und hellen Gelb fröhliche Dreieinigkeit feierte, gewahrte der Fischer des reichen Fahrenholzers, daß einige Hechtköpfe auf den leicht mulmigen Grund des Sees gesunken waren. Er legte sich einige Tage auf die Lauer, ließ den Kahn absichtlich am Ufer halb im Wasser liegen, den Fischspeer wie achtlos neben dem Staken. Es währte auch nicht lange, da sah er eines Morgens, wie der arme Fahrenholzer den Kahn vorsichtig ins klare Hechtwasser stakte.

Der Fischer eilte zu seinem Herrn und erzählte hastig, was am See vorging. Beide liefen zur Kahnanlege, sprangen in das Boot des reichen Fahrenholzers und ruderten nach Kräften auf den Fischräuber zu. "Du willst wohl, daß ich deine Föhren fälle," rief erbost der reiche Fahrenholzer. Und als er sah, daß schon einige kapitale Hechte auf dem Kahnboden lagen, forderte er, der Fischräuber solle an Land staken und die Hechte herausgeben. Der arme Fahrenholzer glitt gemächlich mit dem Kahn zum Ufer. Als beide Kähne in den Sand schnitten, zog der Fischräuber sein Jagdmesser, hieb den Hechten die Köpfe ab, einem nach den anderen, warf die kopflosen Fische ins Schilf, zeigte auf die Hechtköppe im Kahn und sagte: "Da, Vetter, nimm´ dir die Reste!" Er stieg aus dem Kahn, sprang auf seinen Schimmel und trabte ohne Eile davon. Da ergrimmte der Herr des Sees gewaltig. Er nahm den Hechtspeer, ließ seinen edlen Rappen satteln und galoppierte hinterher. Kurz hinter dem Dorf erblickte er den Fischräuber.

In vollem Ritt holte er mit dem Speer weit aus und schleuderte ihn wohlgeübt auf den Rücken des Fahrenholzers. Dieser stöhnte laut auf, beugte sich vornüber und glitt dann willenlos von seinem Schimmel. Von seiner schweren Wunde erholte er sich nicht und verstarb vor der Zeit. An der Stelle aber, wo er vom Pferd gesunken war, errichtete der reuige Sohn des gewalttätigen Vetters nach Jahren ein Sühnekreuz, das mehr als 100 Jahre Vorübergehende an die böse Tat erinnerte. Doch eines Tages war das Steinkreuz vor Lübbenow verschwunden. Kein Mensch hat es je wieder gesehen.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow