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Sagen und Geschichten aus Milow

Die Sage vom Schicksalsvogel

Vor runden zwei Jahrhunderten ließ der damals reichste Bauer von Milow sein Jüngstgeborenes, einen Sohn, taufen. Das ganze Dorf lud er dazu ein, nur die alte Lindemannsche nicht. In jungen Jahren hatte sie seinem Vater wegen verschmähter Liebe rachsüchtig drei Jahre lang die Strohmieten angezündet. Nun starb jedoch der Sohn des Bauern kurz nach der Taufe. Als der Totengräber das Grab für das Kind schaufelte, bemerkte er einen Vogel, der auf dem Gitter des benachbarten Grabes hockte. Er glich zwar in der Form einer Krähe, wechselte aber beständig die Farbe seines Gefieders. Bald war es gelb, bald grün. Der Totengräber übte zugleich auch das Amt des Nachtwächters aus. Dabei beobachtete er, daß sich der buntgefiederte Vogel häufig in einem Gebüsch vor dem Haus der alten Lindemannschen aufhielt. Einmal wollte der Totengräber-Nachtwächter den Vogel fortjagen.

Aber da erhob sich ein so furchtbares Gekreische, daß eine große Angst in ihm aufstieg. In diesem Moment kam der Schmiedegeselle torkelnd aus dem Wirtshaus und schwankte auf den Nachtwächter zu. Der teilte ihm natürlich sofort seine Beobachtungen mit. Da wollte ihm der Geselle helfen, den Vogel fortzujagen, und warf einen Stein in das Gebüsch. Er traf jedoch nicht den Vogel, sondern das Fenster der Lindemannschen. Sie erschien sogleich und machte einen Mordsspektakel. Am nächsten Morgen fand man den Schmiedegesellen in der Schmiede leblos vor seinem Amboß. Die einen sagten, er habe sich totgesoffen; andere behaupteten aber, der Vogel hätte seine Seele geholt, zur Strafe für das eingeschlagene Fenster. Die Lindemannsche sei doch eine Hexe, und wehe dem, der ihr zu nahe kommt! Nach längerer Zeit brachte sich der Vogel wieder in Erinnerung bei den Leuten.

Zwei Milower Bauern hatten sich in Prenzlau vor Gericht verklagt. Es heißt, einer von ihnen hätte dabei einen Meineid geleistet, worauf der andere eines Tages dem Landreiter folgen mußte. Am Haus seines Gegners hob der Unschuldige die Faust und rief: "Der Herrgott wird dich schon kriegen!" Weitere Wochen vergingen. Der Totengräber saß wieder einmal gemütlich auf der Bank der Kossäthen. Da vernahm er ein rauschendes Flügelschlagen. Kurze Zeit später erblickte er auf dem Torbogen des Bauerngehöfts, das dem Meineidigen gehörte, einen großen Vogel. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er, daß es derselbe Vogel war wie ehedem auf dem Grabgitter.

Auch jetzt wechselte er andauernd die Farbe, und nach einer Viertelstunde verschwand er wieder. Aber gegen Morgen donnerte der Knecht mit dem Kutschwagen aus dem Gehöft. Der Bauer hatte plötzlich seine Herzanfälle bekommen. Bevor der Knecht mit dem Arzt zurückkehrte, war der Bauer verstorben. Der Fluch seines Gegners hatte sich erfüllt. Der Vogel saß danach wieder versteckt im Holunderstrauch. Um das Haus der alten Lindemannschen machten die Leute fortan einen großen Bogen. Voller Scheu blickten sie nach dem Holunderbusch. Aber der seltsame Vogel fand auch sein Ende. Die Franzosen kamen ins Land. Ein Captaine schoß ihn treffsicher vom Holunderbusch herunter. Am nächsten Tag fiel der Captaine im Kampf, doch die Milower waren seitdem ihren Schicksalsvogel los.

Quelle: Erwin Schulz, Milower Mosaik, Schibri-Verlag Milow,1995

 

Das tönerne Huhn

In der Ziegelei von Strasburg muß es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Man erzählte sich, daß einer der alten Ziegelmeister habe zaubern können. Davon hatte ein Milower Bauer gehört. Er holte eines Tages den alten Ziegler auf seinen Hof, denn er sollte helfen, die Tochter vor einer Dummheit zu bewahren. Die wunderschöne Tochter des Milower Bauern war in einen armen Ziegelknecht verliebt. Beide hatten sich heimlich versprochen und konnten nicht voneinander lassen. Die Eltern des Mädchen waren aber dagegen und nun sollte der alte Ziegler helfen, der Tochter die Flausen auszutreiben.

Der alte Meister aus Strasburg willigte für gutes Geld in den Plan der Bauersleute. Er holte sich etwas Ziegelton aus seiner Grube und formte daraus unter seltsamem Gemurmel ein Huhn. Es sah aus, als ob es lebte. Der Ziegler gab der Bauersfrau das tönerne Huhn und sagte, sie solle es mit in ihr Bett nehmen und am Morgen danach schlachten. "Aber es lebt doch nicht", meinte die Bäuerin. "Ich kann doch nicht den Ton schlachten!" Sie solle nur tun, was er gesagt, meinte der Strasburger Zauberer.

Sie solle das Huhn sogar rupfen und braten und dann ihrer Tochter und dem armen Zieglerknecht davon zu essen geben. Die Frau tat, wie es ihr der Ziegelmeister geraten. Sie nahm das Tonhuhn mit in ihr Bett und staunte am nächsten Morgen nicht schlecht, als sie das Huhn quicklebendig vorfand. Sie schlachtete es und bereitete ein gutes Mittagsmahl daraus. Die Bauersleute riefen die heimlich Verlobten zu Tisch und gaben zu erkennen, daß sie gegen eine Ehe nichts mehr einzuwenden hätten. Doch sobald die beiden Verlobten von dem Huhn gegessen hatten, war es mit ihrer Eintracht und Liebe vorbei. Sie konnten sich nicht mehr leiden und liefen auseinander.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow