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Sagen und Geschichten aus Schlepkow

Die Hand

Manu tantum modo mortua praesente, - allein die Hand des Erschlagenen offenbart es! An diese abergläubische Vorstellung, daß die Hand eines Ermordeten über den Tod hinaus die Eigenschaft besitzt, auf ihren Mörder zu weisen, knüpft sich eine Begebenheit, die aus Schlepkow überliefert ist. Katharina Block hat die nachfolgende Mordtat in einer mehrseitigen Novelle verarbeitet und überlieferte Tatsachen zu einer schaurig-schönen Legende poetisch ausgeformt (Vgl. Heimatkalender Prenzlau, 1929, S. 143-150). Die Episode aus dem Jahre 1549 wird hier in geraffter Form dargeboten.

Der edle und ehrbare, feste und gestrenge Herr Henning von Blankenburg zu Wolfshagen hatte an einem Tage im Herbst des Jahres 1549 eine Jagd anbefohlen. Alle Treiber aus seinen Dörfern wurden bestellt, so auch aus Schlepkow die Bauernburschen Adam Nilius und Joachim Berndt, Freunde von Kind auf. Doch der Jagdtag war so trüb und regnerisch, daß man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Die jungen Burschen folgten trotzdem gern dem Gebot ihres Herrn, war für sie eine Treibjagd doch eine willkommene Abwechslung in ihrem sonst so eintönigen Arbeitsalltag. Als die beiden Treiber nach einigen Tagen nicht nach Schlepkow zurückkehrten, glaubte man im Dorf, der Herr von Blankenburg habe die Jagd verschoben und die Treiber in Wolfshagen behalten. Aber die Zeiten waren unruhig und man mußte auf Überfälle durch Raubritter oder Wegelagerer gefaßt sein. Schlepkower Bauern zogen just in diesen Tagen gen Fürstenwerder zu Markte. In der Nähe des Jagenbruchs fanden sie die Leiche des erwürgten Adam. Nach der zerfetzten Kleidung des Bauernburschen zu urteilen, mußte ein harter Kampf stattgefunden haben. Am Rande des Jagenbruchs entdeckte man auch die Jacke des Joachim Berndt, und eine braune Kappe, von der man nicht wußte, wer von beiden sie getragen hatte. Die Bauern zogen nicht mehr gen Fürstenwerder; sie hielten auf der Stelle. Einer ging nach Hildebrandshagen am Dammsee, der andere nach Damerow, der dritte nach Schlepkow zurück, und noch einer nach Wolfshagen, die Dorfschulzen und den Ritter von Blankenburg zum Tatort zu holen. Die Dorfschulzen von Damerow, Schlepkow und Hildebrandshagen erschienen denn auch alsbald und nach geraumer Zeit Herr Henning in Begleitung einiger Männer und eines Schreibers. Eine genaue Untersuchung wurde veranstaltet und der Mord an den beiden ehrlichen Bauernburschen zu Protokoll gebracht.

Da die Mörder vorläufig nicht bekannt waren, beschloß man, nach altem Brauch der aufgefundenen Leiche die rechte Hand abzuschlagen, damit sie gegen die Mörder zeuge, bis diese gestellt und gerichtet werden könnten nach dem uralten Gesetz. "Manu tantum modo mortua praesente - aber des Erschlagenen Hand muß zur Stelle sein." Der Ritter ließ nachforschen. Man fand heraus, daß Adam am Sankt Niklas Tag die schöne Annamagret Hildebrand vom Mühlenhof habe ehelichen wollen. Der Adam Nilius hatte auf dem Hof seines alten Vaters gearbeitet, hätte keine Feinde gehabt und wäre nie streitsüchtig gewesen. Sein Freund, der Joachim Berndt, sei stolzer Besitzer von vier Hufen Land gewesen, haben einen guten Hof und weiter keine Verwandten oder Erben, zumal sein älterer Bruder Matthias schon vor Jahren ausgewandert sei. So wäre also der Bauernhof des Berndt ohne Erben, erkundigte sich der Ritter Henning noch einmal beim Dorfschulzen. Als ihm das der Dorfschulze bestätigen mußte, sah sich der Wolfshägener im Geiste schon als rechtmäßiger Erbe der vier Hufen. Der Schulze von Schlepkow sollte es übernehmen, der Braut und dem alten Nilius die traurige Botschaft zu überbringen. Der alte Vater lief ihm bereits klagend entgegen, er hatte schon von der Ermordung seines Sohnes gehört. Zur Annamagret getraute sich der Dorfschulze nicht, sie war wegen ihres leidenschaftlichen Wesens bekannt. So bat er den Prediger, die Nachricht schonend zu übermitteln. Der verließ sogleich sein ärmliches Haus und eilte zum Mühlenhof am Ende des Dorfes.

Das entsetzte Mädchen war wie versteinert in seinem Schmerz. Sie wisse wohl, wer ihren Liebsten umgebracht habe, rief Annamagret aus, sie werde laut klagen und das Gericht zu Strasburg oder Prenzlau solange bestürmen, bis daß der Ruchlose gefunden und gehenkt würde. Kein anderer habe ihren Adam erschlagen als der Joachim Berndt, sie wisse auch warum. Man solle nicht in Wasserlöchern und Sümpfen nach seiner Leiche suchen, sondern lieber in den Städten nach dem Flüchtigen fahnden. Nach einigen Monaten wurden Diebe und Räuber gefaßt, denen man auch die Mordtat im Jagenbruch nachsagte. Obwohl sie ihre Unschuld beteuerten, wurden sie in Strasburg gehenkt. Als man darauf die Hand aus der Schlepkower Kirche entfernen wollte, weigerte sich Annamagret energisch. Die in Strasburg Gehenkten hätten keinen Mord an ihrem Adam gestanden, sie seien nicht die Mörder ihres Bräutigams gewesen. Die Hand bleibe in der Kirchenlade als drohendes Mal und einziger Zeuge der unaufgeklärten Bluttat. Jahre gingen ins Land. Prediger und Dorfschulze waren eisengrau geworden, und auch das Haar des Herrn von Blankenburg war schlohweiß. Längst gehörten ihm die vier Hufen des Joachim Berndt und noch manch anderer herrenloser Acker der umliegenden Dörfer. Annamagret war Herrin auf dem Mühlenhof, schön noch immer, aber streng und abweisend gegenüber jedem Freier. Dann kam das Jahr 1569. Zum Erstaunen der Dorfleute kehrte ein verschollen Geglaubter zurück, der Matthias Berndt aus Nürnberg in Franken wollte auf dem Hof seiner Vorfahren ohne Erbansprüche ein geruhsames Alter haben, ihm genüge nur Wohnung und Essen.

Mit Erlaubnis des Blankenburgers zog er in eine Stube im Altenteil seiner Eltern. Annamagret soll seltsam gelächelt haben, als er im Dorf auftauchte. Und um den Martinstag herum ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf: die Mühlenhofbäuerin werde endlich freien, und der Matthias sei der Auserwählte. Ausgerechnet am Sankt Niklas Tag sollte die Trauung in der Kirche stattfinden. Matthias wollte es so; und Annamagret hatte zuvor den Pastor unter vier Augen gebeten, die Lade mit der knöchernen Hand vor den Altar zu stellen. Am Sankt Niklas Tag war die kleine Schlepkower Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt, obwohl niemand zur Hochzeit geladen war. Als der Prediger die ältlichen Brautleute zum Altar aufrief, trat Annamagret dicht an das Geländer und legte ihre rechte Hand auf die Lade, an deren Inhalt sich nur noch wenige in der Kirche erinnern konnten. Annamagrets Linke hielt die Rechte ihres Bräutigams krampfhaft fest, sie zog Matthias dicht zu sich heran. Dann schlug sie ruckartig den Deckel der Lade auf und rief mit lauten, harten Worten: "Joachim Berndt, de hand, van den doten Adam Nilius wist na di! Bekenn, dat du em hest ümt Läben bröcht!" Der Joachim Matthias Berndt wurde aschfahl im Gesicht. Annamagret zog seine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt hin zur geöffneten Lade. Dem ergrauten Bräutigam rann Schweiß von der Stirn, er spürte etwas Kaltes, Trockenes und stieß einen Schrei aus. Dann riß er sich los und brach in die Knie. Annamagret schlug mit lautem Knall die Lade zu, alles zuckte zusammen. Der so grausig Verklagte jedoch schnellte auf, sprang zur Priestertüre und wollte fliehen. Nun aber kam Leben in die Männer, sie stürzten ihm nach und hielten ihn mit eisernen Fäusten fest. Der Dorfschulze trat an ihn heran und legte ihm seine Hand schwer auf die Schulter: "Joachim Berndt, im Namen des Rechtes!" Joachim knickte mit einem gegurgelten "Erbarmen" kraftlos in die Knie und ließ sich willenlos abführen. Zu Strasburg tagte ein Gericht. Joachim Berndt wurde vorgeführt und bekannte seine Schuld ohne Zögern. Wenig später waltete der Henker seines Amtes.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow