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Sagen und Geschichten aus Wallmow

Der gespenstische Nachtwächter von Wallmow

Bei den Rollbergen am Kreuzweg nach Grenz und Schwaneberg kann man nachts einem alten Mann mit großen Radkragen und einem Horn begegnen. Dieser schleicht ganz leise durch die Nacht. Aber wie erschrickt der Wanderer, wenn er auf einmal sein Horn an den Mund setzt und ruft: "Bewahret Feuer und Kerzenlicht, die Glocke ist...", "...Zwölfe!" kann er aber nicht sagen. Das ist eine Strafe, die er in alle Ewigkeit erleiden muß. In seinem Leben war er als Nachtwächter in Wallmow angestellt worden, und er tat auch getreu seinen Dienst. Da kam aber der große Krieg in das Land und verschonte auch die Wallmower nicht. Ein wilder Haufen plündernder und mordender Soldaten machten die Gegend um das Dorf unsicher. Voller Angst nahmen die Bauern und anderen Einwohner Wallmows ihr Gold und Silber und verschanzten sich in der kleinen, alten Feldsteinkirche. Die Soldaten plünderten das Dorf und steckten es in Brand. Soviel sie aber auch die Kirche belagerten, sie hielt den Angreifern stand. Ja, sogar die Bauern machten einen Ausfall und trieben die Soldaten in die Flucht. Nun befand sich aber unter den in der Kirche verschanzten Bauern ein Verräter. Das war der Nachtwächter. Er hatte mit den Soldaten ausgemacht, daß er ein Zeichen geben würde, wenn sie in der Nacht die Kirche berennen und dabei eine Tür offen finden würden. Als Zeichen sollte sein Lied dienen: "Bewahret Feuer und Kerzenlicht, die Glocke ist...". In der Nacht, in der er das "...Zwölfe!" ausließ, würde er die Tür unverschlossen lassen. Der teuflische Plan gelang. In einer dunklen und stürmischen Nacht ließ der Nachtwächter mit seinem Horn das halbe Lied ertönen, und die Soldaten erstürmten die Kirche. Sie erschlugen alle, die sich darin befanden, auch den Nachtwächter. Der aber muß zur Strafe am alten Kreuzweg herumspuken. Er hat jedoch eine Chance, sich erlösen zu lassen. Wenn jemand, den er trifft, so geistesgegenwärtig ist, das "...Zwölfe!" bei seinem Lied hinzuzufügen, dann wird der gespenstische Nachtwächter erlöst sein. Doch bis jetzt ist es niemandem gelungen.

Quelle: Teufelssteine, Unheimliche Geschichten von den Ufern des Flusses Ucker, ARKADIEN e. V., Schibri-Verlag, 1997