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Sagen und Geschichten aus Warthe

Die große Glocke zu Warthe

In uralten Zeiten hielten sich in dem waldumgrenzten See, der nahe bei dem unweit Boitzenburg gelegenen Dorfe Warthe liegt, Feen auf, durch die den Bewohnern der dortigen Gegend viel Gutes erwiesen wurde. Im Grunde des Sees stand eine Kirche, in der sie ihre religiösen Versammlungen hielten, und das herrliche Glockengeläut, das sie hierzu einlud, scholl oft aus der Tiefe herauf und wurde von den Menschen, die zufällig am See beschäftigt waren, gehört; ja die Fischer, welche in stillen Sommernächten ihrem Gewerbe obliegen, wollen noch heute zeitweise die aus großer Tiefe dringenden Töne vernehmen. Einst nun, vor vielen, vielen Jahren, war eine Bäuerin aus Warthe am See mit der Wäsche von Kinderzeug beschäftigt. In ihrer Nähe ragte aus drei Stellen etwas aus dem Wasser hervor, das sie für die knorrigen Wurzeln abgestorbener Erlenstämme hielt; diese Stämme kamen ihr gerade bei der Wäsche zustatten. Auf einen von ihnen legte sie die gespülte Wäsche, über die beiden anderen legte sie ein Brett, auf welchem sie mit einem Waschholz das Zeug ausklopfen wollte. Kaum hatte sie indessen einige kräftige Schläge auf ein Stück Wäsche getan, als die vermeintlichen beiden Erlenstämme, auf denen ihr Brett lag, sich zu senken begannen und gleichzeitig, ein Gesumme von Glocken ertönte. Jetzt erst gewahrte die Frau, daß das Brett auf den Hauben zweier mächtiger Glocken gelegen hatte, die allmählich immer tiefer und tiefer in den See sanken. Auch der mutmaßliche dritte Erlenstamm, auf welchem die gespülte Wäsche ruhte, war die Haube einer Glocke, die jedoch kleiner sein mußte als die versunkenen. Sie war durch die Wäsche an ihren Platz gebannt und konnte ihren Schwestern nicht nachfolgen in die Tiefe. Eiligst lief die Frau in das Dorf, um jung und alt das Geschehene zu berichten und vergaß in der Hast sogar, ihre Wäsche mit fortzunehmen. In diesem Falle war das freilich ein Glück, denn als die Dorfbewohner zum See hinauskamen, sahen sie eine große Glocke im Wasser stehen. Sie hatten nun nichts eiligeres zu tun, als mit Hilfe von 12 Pferden die Glocke an das Land zu bringen und späterhin auf den Kirchturm zu schaffen, von wo sie nun schon seit Jahrhunderten die Gläubigen zur Andacht ruft. Fischer, die während des Läutens dieser Glocke auf dem See beschäftigt waren, wollen behaupten, daß gleichzeitig auch tief unten im Wasser der Ton zweier Glocken vernehmbar sei, und daß es so traurig klänge, als klagten sie über den Verlust ihrer Schwester.

Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau

 

Der Abendmahlskelch der Warther Kirche

Unter den heiligen Geräten in der Warther Kirche befindet sich ein Kelch, auf dessen Boden die Worte eingraviert sind: "Dieser Kelch gehört im Gotteshause zu Bröddin." Von diesen Abendmahlsgeräten geht folgende Sage: Eines Tages sah ein Bauer aus Warthe, der seinen Acker bestellte, daß sich eine Schar feindlicher Reiter dem Dorfe Bröddin näherte. Es war gerade während der schlimmsten Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wo es ein Wunder zu nennen war, wenn man noch einen pflügenden Bauern sah. Aber dieser Bauer war einer von der Art, der seine Erde über alles liebte und zudem war er ein gottesfürchtiger Mann. Darum kam ihm beim Anblick der feindlichen Reiter als erster der Gedanke: du mußt die heiligen Geräte der Bröddiner Kirche retten; denn selbst vor Heiligen machte der verwilderte Landsknecht schon längst nicht mehr halt. Die Reiter waren aber schneller als er. Als er ins Dorf kam, war die Kirche bereits erbrochen, und die Feinde hatten sich darin mit Roß und Reiter einquartiert. Gerade waren sie damit beschäftigt, Strohschütten zu machen, jedenfalls gab es für den Bauern nichts mehr auszurichten. Betrübt trat er den Rückweg an. Aber kaum lag das Dorf hundert Meter hinter ihm, als ihm eine unbekannte Frau entgegenkam. Die trat schweigend an ihn heran, nahm aus ihrer Schürze die heiligen Geräte, gab sie ihm und ging weiter. Der erstaunte Bauer wußte nicht, was er fragen sollte. Und als er sich umsah, war die Frau verschwunden. Er nahm nun die Abendmahlsgeräte mit nach Hause und versteckte sie hier. Als der Krieg beendet war, brachte er sie in die Warther Kirche, weil die Kirche in Bröddin im weiteren Kriegeslaufe noch vollständig zerstört worden war. Hier befinden sich die sehr alten Bröddiner Abendmahlsgeräte heute noch.

Quelle: Unsere Heimat, Blätter für Heimatpflege, Unterhaltung und Belehrung, Wochenbeilage zum "Templiner Kreisblatt, Templiner Zeitung", Nr. 53, Freitag, den 04.März 1938, 91. Jahrgang