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Sagen und Geschichten aus Werbelow

Aufhockendes Weib

Die Flurnamensammlung von 1936, durchgeführt von Lehrern in der Provinz Brandenburg, erbrachte für die drei uckermärkischen Kreise rund 13000 Flurnamen, für den Kreis Prenzlau 4500 und für Werbelow 23. Ein uns heute nicht sogleich erklärlicher Werbelower Flurname ist "Hackupsbeutel", von Hackup - Aufhock (Uphack) abgeleitet. Es soll eine sackähnliche Wiese sein, die , wenn man die nächtens durchschreitet, zum gespenstigen Ort für ein aufhockendes altes Weib wird, das einem im Dunkeln auf den Rücken springt. "Drei Müllergesellen, welche auf der Werbelowschen Mühle in Lohn standen, gingen einmal nach Feierabend zum Krug im nahen Nechlin. Als sie spätabends heimkehrten und gerade am Wiesenweg angelangt waren, der die Landstraße abkürzt, rief der eine Geselle dem anderen zu: "Kiek es, dor sitt se!" Die beiden anderen Müllerburschen, die nichts sehen konnten, fragten ihren Zechgesellen, der ein Sonntagskind war, was er denn sehe. "Dor, bi´n Dornbusch sitt ´n oll Wif´," erwiderte dieser, und damit ging er, da er ein beherzter Bursche war, dreist nach dem Dornbusche, um das dort hockende alte Weib anzusprechen. Kaum aber war er an dem Dornbusche angelangt, so vernahmen die beiden zurückgebliebenen Müllergesellen einen gellen Angstschrei. Entsetzen packte auch sie, und eilends ergriffen sie die Flucht. Erst Stunden später kam auch der dritte Geselle auf der Mühle zu Werbelow an. Ganz naß war er auf dem Leib, vor Mattigkeit konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Am anderen Morgen erzählte er seinen Mitgesellen, daß das alte Weib ihm sofort auf den Rücken gesprungen sei und ihm gar jämmerlich zugesetzt habe. Trotz allen Rüttelns und Schüttelns sei es ihm doch nicht gelungen, den Hackup abzuwerfen. erst kurz vor der Mühle konnte er das alte Scheusal. das so fest auf seinem Buckel gesessen, als sei es angewachsen, wieder loswerden. Von nun an konnte der Müllergeselle nie wieder des Abends unangefochten vom Krug heimkehren, denn jedesmal hockte ihm das alte spukende Weib auf den Rücken. Zuletzt kam sie sogar bis zur Mühle und wartete dort auf den Gesellen; oder sie rief ihn auch, wenn er des Nachts mahlte, er solle doch hinaus zu ihr kommen. Dem also geplagten Müllergesellen wurde die Sache endlich über. Er schnürte sein Bündel, ließ sich den Lohn auszahlen, nahm den Wanderstab und reisete in die weite Welt."

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow