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Sagen und Geschichten aus Wilsickow

Die Frau in der gläsernen Kutsche

Im Norden des Kreises Prenzlau liegt das Dorf Wilsickow. Geht man weiter nach Norden, so kommt man auf die Verbindungsstraße zwischen Pasewalk und Strasburg. Jenseits der Kunststraße führt der Weg bis nach Groß-Luckow. Nach ungefähr 500 Metern zweigt ein Weg von diesem nach dem Gut Neuhof ab. Diese Weggabelung, die einen schönen Blick über den Mühlbach und seine saftigen Wiesen vermittelt, ist der Standort eines recht bösen Gespenstes. Vor vielen, vielen Jahren hat in diesem Mühlbach eine reiche Gutsherrin von Wilsickow ihr eigenes Kind ertränkt. Sie soll in einer schwarzverhangenen Kutsche bis an diese Wegkreuzung gefahren, dann ausgestiegen sein und den Kutscher nach Hause geschickt haben. So glaubte sie ihre Untat von niemand gesehen. Doch das böse Gewissen ließ ihr keine Ruhe. Nach ihrem Tod geht sie nun hier als Gespenst um. Sie erscheint dem müden Wanderer in einer gläsernen Kutsche, die von sechs kopflosen Rappen gezogen wird. Immer, wenn sie einem begegnet, halten die Pferde an und aus der gläsernen Kutsche steigt der Gestalt nach eine junge Frau, doch das Gesicht ist ganz verschimmelt. Klagend streckt sie die Arme aus und will den Wanderer mit an den Mühlbach locken. Geht er mit, so verschwindet das Gespenst, läuft der Wanderer nach Wilsickow zurück, so jagt die Kutsche mit den kopflosen Pferden hinter ihm her, bis die ersten Menschenstimmen laut werden. Immer aber dauert es gar nicht lange, bis der Wanderer, dem das Gespenst in der gläsernen Kutsche begegnete, sterben muß. So liegt ein Fluch auf diesem Kreuzweg. Ein Mittel soll es geben, um vor aller Gefahr sicher zu sein: doch wer kann sich das beschaffen? Vor Jahren ist einmal der alte Jäger aus Oslanin an diesen Kreuzweg gekommen. Auch ihm begegnete die Frau in der gläsernen Kutsche. Seelenruhig trat er ihr entgegen. Er konnte das auch, denn er hatte einen Krötenstein in seiner Tasche, der ihn vor jeder Gefahr schützte.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow