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Sagen und Geschichten aus Wolfshagen

Apatz

Zwischen Wolfshagen und Schlepkow lag vor Zeiten ein urwüchsiges Waldstück, das seinen Namen von einem Drachen hatte, der in dem sumpfigen Urwald hauste. Niemand traute sich in die Nähe seiner Höhle, denn schon der Atem des Untieres genügte, um einen Menschen zu töten. Der Drache Apatz war ursprünglich vom Ritter aus Wolfshagen in einen tiefen Burgkeller gesperrt worden. Aber ein vorwitziges Küchenmädchen hatte dem Scheusal die Türe geöffnet, und flugs war er in den Wald entwichen. Hier versetzte er die ganze Gegend in Angst und Schrecken. Vergeblich hatten mutige Jäger versucht, den Drachen zu töten. Doch keiner konnte sich je "Drachentöter vom Apatz" nennen. Bis einmal ein Wanderer in diese Gegend kam und von dem Apatz hörte. Man hatte ihm auch erzählt, der Drache bewache einen großen Schatz. Der Fremde, ein Schmiedegeselle, wollte den Schatz heben.

Und um gegen das Untier gefeit zu sein, hämmerte er sich aus Johanniskraut ein Netzhemd, das ihn unsichtbar machte. Angetan mit diesem Schutz schlich er sich an den Drachen heran und schlug ihm mit seinem größten Schmiedehammer voller Wucht gegen den Kopf, ohne daß ihn der giftige Atem des Apatz treffen konnte. Der Drache lag wie leblos da. Der Geselle sammelte in der Drachenhöhle die Goldtaler auf und zog frohgemut gegen Prenzlau. Hier machte er sich in der ersten Gastwirtschaft einen guten Tag und prahlte mit seiner Tat und seinem Schatz.

Doch neidvolle Zechbrüder mochten seiner Geschichte nicht glauben. Man warf ihm vor, ein ganz schlimmer Dieb zu sein und wollte ihn an den Galgen bringen. Schnell fanden sich einige meineidige Zeugen und der Richter fällte sein Urteil: Tod durch den Galgen. Schon stand der Schmiedegeselle auf der Leiter, den Strick um den Hals. In seiner Not rief der Geselle: "Apatz, Apatz, komm und nimm dir dein Gold zurück!" Kaum hatte er seine Worte ausgerufen, da kam auch schon Apatz durch die Lüfte angebraust, packte den Gesellen mit den Krallen, den Goldbeutel vom Galgentisch mit der anderen und flog mit seiner Beute davon. Seit dieser Zeit nun spukt auch der Schmied im Drachenwald herum. Doch er hat jetzt zwei Köpfe, einen wie ein Mensch und einen wie eine Schlange. Zu Leide tut er keinem etwas. Im Gegenteil.

Einmal hat er einem "Nudelbuddler" geholfen, der in großer Not war. Der Mann buddelte nachts bei Laternenschein seine Kartoffeln, um dafür frische Milch für seine kranke Frau einzutauschen. Im flackernden Laternenschein erschien ihm der doppfelköpfige Geselle und schenkte ihm Krug und Semmel. Jeden Tag war nun der Krug mit frischer Milch gefüllt. Die Semmel aber wurde niemals alt und nie aufgezehrt, so oft man auch von ihr ein Stück abbrach. Ganz anders dagegen erging es einem Pferdedieb aus Fürstenwerder. Als dieser wieder ein Pferd gestohlen hatte und es nach Hause führen wollte erschien ihm der doppelköpfige Schmied vom Apatz urplötzlich an einer alten Kopfweide. Der Menschenkopf des Drachenschmiedes redete auf den zu Tode erschrockenen Pferdedieb ein, der Schlangenkopf indes biß dem Mann aus Fürstenwerder so in den Schenkel, daß er vor Schmerz laut aufheulte und die Zügel des Hengstes los ließ. Der Hengst suchte sofort das Weite und ist sogar wieder bei seinem Besitzer angekommen. Die Wunde des Pferdediebes aber ist niemals wieder richtig verheilt.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow

 

Der ruhelose Jäger

Einst lebte in Wolfshagen ein alter Mann. Dessen Sohn kannte nur eines: die Jagd. Der Alte mußte die harte Feldarbeit verrichten, der Sohn jagte in den Wäldern. In seiner letzten Stunde flehte der Alte: "Sohn, steh' mir bei!" Doch der nahm die Flinte vom Haken und ging schnell hinaus. Da verfluchte der Vater den Sohn und rief: "So jag du und der Teufel dazu!" Der Alte verstarb, doch seitdem irrt der Sohn ruhelos umher. Des Nachts hört man den ewigen Jäger rufen und wild durch die Wälder hetzen. Mit Vorliebe erscheint er auch dem nächtlichen Wanderer auf dem Kreuzweg nördlich bei Damerow, in der Nähe des Lindenberges. Hier soll er einmal dem Förster vom Forsthaus Kieker begegnet sein. Dieser wollte seinen Freund in Damerow besuchen. Als er auf dem Kreuzweg sein Fuhrwerk anhielt, um sich eine Pfeife anzustecken, ertönte urplötzlich in den Lüften ein wildes Geschrei. Entsetzt sprangen die Pferde an, und um ein Haar wäre der Wagen am nächsten Stein zerschellt. Auch einer alten Frau, die mit einem Korb Eier auf dem Rücken und einem anderen in der Hand über den Kreuzweg ging, erschien der ewige Jäger. Er hatte in seiner Hand vier frische geschossene Hasen und bot sie der Frau als Geschenk an. Die wollte sie aber nicht nehmen, sondern dem Jäger für die Hasen zum Tausch den Handkorb Eier anbieten. Der ewige Jäger ging auf den Handel ein. Er nahm die Eier aus dem Korb und steckte sie vorsichtig in seine große Jagdtasche. Als er damit fertig war, nahm die Frau die vier Hasen und legte sie in ihren Handkorb. Schon wollte sie sich vom Kreuzweg wenden, da sah sie, wie der Jäger die eben verstauten Eier wieder aus der Tasche nahm, um sie einzeln auf den Weg zu werfen. Wie erschrak die Frau, als sich aus jedem Ei eine schwarze, schrecklich funkelnde Schlange herauswand. Entsetzt lief die Frau nach Hause. Hier erlebte sie eine weitere, böse Überraschung. Als sie die vier Hasen aus dem Handkorb nehmen wollte, mußte sie erkennen, daß diese sich in einen Haufen Flöhe und Ungeziefer verwandelt hatten, die sie nun ihr Lebtag nicht mehr los wurde. Obwohl danach der ruhelose Jäger den Wanderern nur noch sehr selten erschien, holzte man die Wälder um Damerow ab.

Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow